vor einiger Zeit

Vor einiger Zeit hat ihr geträumt. Sie gibt nichts auf Träume. Daher behält sie auch nur wenig. Verwirrungen im Schlaf, meint sie. Aus solch einer nächtlichen Verwirrung ist ein Rest im Gedächtnis geblieben, nicht größer als ein Mosaikwürfel. Kein wirklicher Gegenstand, nicht einmal ein Bild von etwas. Es hat sie angerührt. Deswegen scheint es auch geblieben zu sein. Wie sich an den Stränden Griechenlands ausgesetzte kleine Hunde verzweifelt an Menschen anschließen, die aus einem anderen Alltag kommen und gerührt sind und in Urlaub. Da hat sie aus der nächtlichen Verwirrung etwas angerührt. Es ist nur ein Wort davon geblieben, oder ein Name. Aber man weiß, was alles hinter einem Namen stecken kann, mehr als Zettel hinter einem Spiegel. Daher sagt man, in weiser Verkehrung, Omen est Nomen. Also ein Fingerzeig. Vielleicht auf ein Lebewesen deutend, das im Mosaikwürfel eingeschlossen ist wie die Fliege im Bernstein. Chalcedony. Schon mal gehört? Hab ich das schon mal gehört, fragt sie sich nach dem Erwachen. Klingt vorderasiatisch, klingt wie von vor der Sintflut. Hört sich nach Halbedelstein an. Aber was ist dann die andere Hälfte? Vielleicht doch ein streunendes, ein ausgesetztes Bastardwesen an einer der Küsten des Peloponnes. Ein angeschwemmtes Überbleibsel aus den Zeiten des Thukydides, aus den Zeiten des vielgereisten Herodot.
Sie besinnt sich. Vielleicht ist Chalcedonit gemeint. Oder gemeint sein könnte ein Landstrich Chalcedonien. Haben die Chaldäer Kaledonien gekannt?
Sie besichtigt die Folge der Buchstaben, spielt sie durch, stellt um, beabsichtigt und unabsichtlich . Silbenrätsel, Kreuzworträtsel. Labsang der Sprache, vielleicht auch ein Spiel chinesischer oder laotischer Kinder.
Sie spielt für einen Augenblick Labsang oder es erscheint ihr jedenfalls so, als hätte sie es für einen Augenblick gespielt.
Dann kommen ihr unerwartet zwei weitere Worte in den Sinn, drei, um genau zu sein:
a Chalcedony of Musters.
Sie ist beunruhigt. Sehr unerwartet dieser britische oder amerikanische Einschlag. Das zieht den Deutungen, die sich für sie schwach angedeutet haben, wie Schemen auf einem Bildschirm, den Teppich unter den Füßen weg. Die angedeuteten Deutungen fallen aus der Bildfläche. Nun ist diese leer, bland, flimmert ein wenig.

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