früheres zu den Sirenen

                Benjamins Kafkaessay *  

 Weltalter hat der Mann beim Tünchen zu bewegen

Den Buckligen sind die Weltalter in die Wiege gelegt. Sie wachsen mühsam auf, mit Gewichten auf dem Buckel, denen sie sich ihr Leben lang entgegenstemmen. Wir werden im fortschreitenden Alter krumm und gebückt, sie sind es von Anfang an.

Der Tüncher kniet vor der Wand und zieht die Farbrolle über der Fußleiste entlang. Verkrümmt wie er sind auch die anderen: gebückt, ihre Köpfe immer nur knapp über der Fußleiste. Auf dem Boden lagern sich die Weltalter ab. Dort liegen sie am dichtesten zusammen, als kompakte, kaum je zu schichtende Masse. Ihre Schwerkraft setzt im menschlichen Haupt an und biegt die Wirbelsäule wie eine Feder zum Boden hinab. Die davon Erfassten bleiben ihr Leben lang krumm und kennen das Aussehen des Himmels nur vom Hörensagen oder aus ihren winzigen Taschenrundspiegeln, die sie sich unters Gesicht halten müssen, um einen Blick vom Streifen der Wolken, vom Funkeln der Blitze und Sterne zu erhaschen.

Der Boden, über den die so Gebeugten ihre Zehen und Ballen bewegen, ist in- und auswendig. Er ist mit Gedanken bedeckt, die einst in kühnem Flug über den Wolken dahinzogen. Nun sind sie lange schon herabgefallen, in irgendeinem flüchtigen Innehalten jäh von der Schwere gepackt, vom Herzschlag, vom Alter, von plötzlicher Müdigkeit, von den Saugnäpfen einer graven Materie, die ohne alle Umrisse ist.

Nun liegen sie herum, ein nicht gerade ermunternder Anblick, aber einer, der einen nicht los lässt: es ist ein Acker wie ein Schlachtfeld, bedeckt mit den herabgeschlagenen Häupter des Drachens, die – wenngleich seit langem schon enthauptet – mit ihren Grimassen und ihrem unglaublichen Mienenspiel uns heute noch amüsieren und bannen. Oder wie Fallobst aus dem Baum, der mit seiner Krone den ganzen Raum füllt.

 Was macht die Menschen schön?

Schönheit macht den Menschen schön, das ist klar. Aber was macht die Schönheit sichtbar? Was die Schönheit sichtbar macht, ist keineswegs klar, sondern mit das Unklarste, was es gibt. Alles sucht danach. Pythagoras nennt es ‚Harmonia‘.

Das kommt von ‚harma‘, dem ‚Gespann‘. Es ist die Einheit von Wagen und Pferd, also das ins Gerät geschirrte Tier und das dadurch in Bewegung gebrachte Ding oder Zeug. Die Pferde legen sich ins Zeug und das Ding fährt, so dass Menschen und Fracht damit fahren und befördert werden können.

Ursprünglich ist der Harma ein Sonnenwagen, oder umgekehrt. Bei den Griechen ein Sonnenwagen, bei den Juden der Thronwagen des Propheten Hesekiel.

Weil sich beim gemeinsamen Essen unter den Menschen am ehesten Einklang einstellt, heißt im Griechischen die Speise ‚arma‘, die ‚kleine Speise‘, die Nahrungszuteilung oder der Mundvorrat hingegen ‚harmalié‘.

Speisen und im Gespann fahren, das sind die Dinge, die unsereins schön machen.

 Aus ganz anderer Quelle kommt Schönheit in die Gestalten Kafkas:

‚Es kann nicht die Schuld sein, die sie schön macht…es kann .. nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet.‘ Der Prozess, das Gerichtsverfahren, vielleicht schon die Anklage, gegen die wir uns behaupten müssen, sie machen uns schön.

Benjamin führt die Schönheit der Angeklagten auf ihre Hoffnungslosigkeit zurück. Aber nicht auf ihren Verzicht auf Widerstand, auf Entschuldigungen, auf Einspruch, auf Freiheit, auf irgendein Leben in Freiheit. Die Angeklagten finden sich mit ihrer Trostlosigkeit ab. Aus dem Glanz der Verworfenen lebt die ganze Inszenierung, die doch auf ihre Vernichtung auszusein scheint.

Wie die Pferde auf den Wagen abgerichtet werden, so die Schuldigen auf den Fortgang der Gerechtigkeit.

 Die Boten

Kafka nennt sie die Gehilfen. ‚Sie sehen, wie Kafka sagt, dem Barnabas ähnlich, und der ist ein Bote.‘ Sie sind Engel einer Zwischenwelt, einer Interimsregion. Ihr Ehrgeiz ist wie der der Engel auf der Nadelspitze, nämlich ‚möglichst wenig Raum zu brauchen‘. Sie leben auf der schwerelosen Seite des auf den Kreaturen schwer und düster lastenden Gesetzes. Sie gehen durch das Gesetz so leicht hindurch wie durch Nebel, der dem menschlichen Auge opak und undurchdringlich erscheint, in Wahrheit aber aus wasserhellen Tröpfchen besteht. Kein Wall, keine Mauer, nichts als ein Widerstand, den schon der Flügelschlag eines Falters ohne Mühe zerbricht.

 Die Sirenen

Sie sind das Orakel einer Vorzeit, die im Mythischen das Sagen hat. Von ihrem bezaubernden Gesang ist äußerlich nur noch das Heulen der Apparate geblieben. Sie heulten erst von den Schiffen, dann von den Dächern. Vielleicht war das Schiff des Odysseus das erste, dessen Besteigung ihnen gelang. Aber dass sie sich an Bord geschlichen hatte, stellte sich dann doch erst Jahrtausende später heraus.

In den Textverarbeitungsprogrammen- und Permutationscomputern sind sie sehr still geworden. Gibt es sie dort überhaupt? Wenn nicht sie selbst, dann doch ihr Schweigen. Das lässt sich nicht in Abrede stellen. Wie eine Wasserfläche breitet es sich aus und ihr Gesang ist dieses, in allem gespeicherte Schweigen, verbreiteter als das Wasser. Der unbegrenzte Raum ist davon ganz eingenommen.

Aber schon in den Sirenen selbst liegen Gesang und Schweigen so beieinander, dass sie für kein Ohr und für keinen Verstand zu trennen sind. Wenn man ihr Schweigen vernimmt, hält man es leicht für den schönsten Gesang, und ihr Singen geht völlig lautlos, wie unter dem Siegel der Verschwiegenheit, in einen ein.

Die Sirenen auf den Schiffen, in den Häfen und Fabrikhallen, die Sirenen auf den Dächern. Die in Stein gemeißelten Sirenenfiguren auf den Gräbern der umgekommenen Dichter.

Zwischen ihrem herzzerreißenden Heulen legen sie lange Pausen ein. In herzzerreißender Pose decken sie die Hand mit den Augen. Manchmal wird es dann so still um sie, als wären sie nun endlich völlig in Vergessenheit geraten. Dann jedoch wird im Abstand von Jahren geprobt. Gestimmt sind sie ein für allemal.

Die wahren Sirenen brauchen ihre Stimme nicht mehr zu proben. Sie sind ihrer absolut sicher. Daher macht es ihnen nichts aus, über unermessliche Zeiträume hin nichts weiter zu tun als zu schweigen.

Das Schweigen der Sirenen ist ein Grab. Wenn man über diesem Grab leichtleibig schwebt, ist es ein Gesang.

Odysseus jedoch: festgebunden am Mast, ein freiwilliges Opfer, fährt er vorbei. Seine äußerste List: in seinem Gesang, im Lied aus dem Munde Homers, dies Schweigen verschwiegen zu haben.

Den wahren Grund dafür gibt Pythagoras an: aus dem Verschweigen dieser innersten Stille, die schon im Orakel, in der Pythia, in der Sphinx, im Dreieck und in der Wurzel aus pi ist, daraus strömt, in tiefen Atemzügen, jenes Leben, an dessen ’nicht zu ertötenden Munterkeit‘ auch die singende Maus Josephine teilhat.

Ich komme auf das Grab zurück. Es ist das älteste Gefäß für Schweigen, die Sickergrube eines Schweigens, das ein Mensch sein Leben lang einübt und selbst dann nicht versteht, wenn es endlich so weit ist. Jedes Leben lang üben wir Hören, bis der Augenblick kommt, in dem uns das völlig Unerhörte ertappt. Eine unbeschreibliche Taubheit oder Betäubung.

Neunhundertdreiundsiebzig Menschenalter haben die Tetraktys abgehorcht und andere menschliche Maßnahmen und Inventionen bis aufs minimalste Detail hin untersucht, ohne auf die Spur der Sirenen gestoßen zu sein. Ganze Generationen sind dabei wortkarg oder aber irgendwie geschwätzig geworden. Sie ahmen das Rätsel nach, aber es gelingt ihnen nicht, es zu erfinden. Als letzte in der Reihe der Horcher haben auch wir, beim Tellerwaschen oder wenn der Wind um die Ohren blies, mit Geräuschen gespart, um wenigstens einen Sirenenpieps zu erlauschen.

Ein Resonanzkörper, aber nicht zu zählende Ohrenpaare, die in stummer Prozession ozeaneinwärts marschieren, gehorsam und schweifend wie die Lemminge, so sehe ich, bei gespanntem Zwerchfall, unsere jüngste Evolution.

Inzwischen weiß ich, dass die Sirenen Fabelwesen sind. Es gab eine Zeit – vielleicht gerade die Vorzeit, in der man sie heute angesiedelt sieht – als es sie noch nicht gab. Aber wie der Geruch eines Rosengartens aus einem Park in die darinstehende Villa strömt, durch die geöffneten Fenster und herabwallenden Vorhänge, so sind sie in das Gedächtnis eingeflossen. Allerdings kaum von alleine, sondern durch Transpiration.

Auch die Menschen in der Villa atmen. So kommt aus den Vor- und Hintergärten der Geruch herein.

Sie lieben es, einen der bis dahin schlaff im Raum herabhangenden Gedanken aufzublähen. Auf einmal nimmt er Volumen an und die vielen Anmutungen, die aus ihm geworden sind, sind nicht mehr zu zählen. Sie steigen aus der Ballongondel aus und mischen sich unters Publikum, das hier bunter und wogender ist als irgendwo sonst. Man singt sie von der Empore und auf der Terrasse. Für Augenblicke ist alles von ihrem Zauber, ihren pantomimischen Gesten, ihren Vibrationen erfüllt. Wir fühlen uns wie verflüssigt oder aufgelöst.

Die Sirenen gehören zu unseren ersten Erfindungen. Narziss muss als erster von ihnen geträumt haben. Orpheus hat ihnen nachgedichtet und das Responsum gesungen. Sie sind die Schwestern ihrer zahmeren, aber nachtragenden Nachfolgerinnen, nämlich der Musen, die die Leidenschaftlichkeit, ja den Wahnsinn der Sirenen in die gewöhnlichen Künste und überlieferten Wissenschaft zerlegten.

Anfangs sind die Sirenen ein Orakel gewesen. Es gab nur eine Sirene. Dann schied sich die eine in den Gesang ab, der bei den einen Mythos, bei den anderen Philosophie, bei den anderen Geschehen ist. Die andere sank in Schweigen zurück. Im Orakel und Rätsel scheint sie manchmal die Lippen zu bewegen. Sie ist zurückgezogen im Eis, in Stein, im Leeren, in einer Leere, die nirgends eine Grenze hat, weder am Rande der Dinge, noch in ihnen selbst. Insofern ist sie in ihrem Überfließen noch am ehesten mit der Fülle verwandt. Nur dass sie raubt. Die Gabe der Sirene ist Raub. Sie gibt scheinbar Gehör, aber raubt dabei den Verstand.

Die Sirenen sind Gesichte, die aus dem Herzen die Besinnung ausreißen. Aber wen sie küssen, der ist mit ihnen eine Sekunde lang eines Mundes. Dann lesen die Lippen jeden Wunsch voneinander ab und dieser Ort ist schön und gut.

Ich will ein Rätsel erzählen von den Sirenen, die Kafka vielleicht nicht kannte. Sie leben in der Wüste, in der größten Desolation und Trockenheit. Es bedeutet viel, wenn Hiob in der Septuaginta klagt, ‚ich bin ein Bruder der Sirenen geworden‘. Sind Hiobs Sirenen wie Hyänen, wie Gespenster oder wie Furien oder ganz ähnlich wie wir, ferne Geschwister, die zur Sterbeklage aufstehen?

Sophokles war ebenfalls unter ihnen. Wer bei der Sphinx war, ist automatisch auch bei den Sirenen gewesen und durch sie geworden. Auch die Sphinx ist ein Gespann, und zwar eines aus Sonne und Finsternis, aus Helligkeit und schwarzer Keramik. Wenn die Teilnehmer von Sophokles den Heimweg antraten, sagten sie, Sophokles Mund sei so süß wie der schäumende Mund der Sirenen. Aber es war eigentlich so, als kämen sie frisch aus der Sphinx.

Aelian sagt, die Sirene seien eine Art unter den Bienen. Und ferner: in jedem Bienenvolk hätte die Sirene keinen anderen Auftrag, als am Eingang des Stockes die ausgeflogenen Gefährten mit dem Klang ihrer Stimme zurückzusingen. Das klingt fabelhaft. Aber es ist die Wahrheit.

Sirenisch nannte man früher alle Worte, die frisch aus dem Orakel gekommen zu sein schienen. Denen eine Art feuchter und animalischer Geruch anhing.

Ehe er trockengerieben und schließlich ganz ausgetrocknet wurde wie die Sümpfe der Reptilienzeitalter, aus denen er gekommen ist, war der Logos solch ein Wort, ein Urvogel. Er hat uns nicht gelegt und anderes und anderes hat uns ausgebrütet. Aber hinter unserer Stirn liegt immer noch sein Ei wie in einem Nest. Hinter der in der Schale eingelassenen Scheibe ist ein Rauch oder Dampf zu sehen, der seine Gesichte an der Glasplatte plattdrückt. Dahinter ein in Wolken ziehender Himmel.

Die Wohnung der Sirenen steht im Unbegrenzten, dem das Meer gleicht, wo es zur Wasserwüste wird und dem die Sandwüste gleicht, wo sie sich wie ein Ozean dehnt. Deswegen wohnen die Sirenen – da wie dort – im Unbegrenzten. Pythagoras hat ihnen in der Tetraktys eine Herberge errichtet, die zugleich ihr Denkmal oder Mausoleum ist. Dafür sind sie ihm durch alle seine Leben hindurch verbunden geblieben. Die Ägypter haben denen, auf die sie hörten, Pyramiden errichtet und Kolosse aus Stein. In ihnen wartet heute noch eine ganze Welt. Aber Pythagoras, nein, bei der Tetraktys…

So spielen auch wir, wenn ich uns recht verstehe, mit im Sirenenorakel, in Stufen und Kurven, in geometrischen Körpern, in denen Schwingung und Frequenz am leichtesten sind.

Im Griechischen ist ‚harmonía‘ (also das, was auf der Gegenseite der Gleichung die Sirenen sind) soviel wie Tonleiter. Das macht aus dem Haus der Sirenen einen Stufenpalast. Er steht mitten in der Wüste, in der Leere des Ozeans, aber er tönt. Ein Palast, aus Zahlen und Wurzeln gebaut. Man würde ihn für eine Luftspiegelung halten. Aber er ist die Wurzel aller werdenden Phantasmen und Weltdinge. Der Objektträger im Spiegelbildspiel.

Ich nehme an, dass bei diesem Spiel das Gespann aus Mensch und Sirene in der Mitte der Arena herumfährt. Die Ränge sind bis zum Horizont hin besetzt und schwingen in einer Fliehkraft, die aus der kreiselnden Mitte immer neue Besucher hervorbringt, manche maskiert und bemalt, einige nackt, andre verkleidet.

Der Dynamo in der Mitte erzeugt einen Strom, dessen Ladung symmetrisch und asymmetrisch, symptotisch und asymptotisch, numerisch und innumerabel zugleich ist. Wahrscheinlich ist dieser Strom logisch und alogisch, sprechend und unaussprechlich zugleich, eine Bewegung, ähnlich der des Äthers oder der Leere, die sich bis in den feinsten Spalt verteilt und nirgends, auch nicht im Reglosesten, Halt macht.

Das Schweigen, in dem die Sirenen wohnen, muss irgendwie stofflich sein, da Materie, so meint Pythagoras, sich dem Erkennen am stärksten entzieht. Daher sind die Körper, denen wir einverleibt sind, die fernste und vergessenste Fremde. In ihnen wogt es und fließt es. Jeder Gedanke, der dort anlegen will, ist praktisch verschwendet. Er verschwindet und taucht, gleichsam mitgerissen in ihrem Fluten, auf und ab wie die Noten im Lied. Das Lied der Wogen singt sich ohne Noten. Aber die Noten sind die Schlüssel, in denen sich die Musik dem Auge öffnet. Sie sind der Gestus, in dem eine Woge auf der anderen auffährt, manchmal in tausend Stücke zerbricht. Alles übrige, man nenne es Wasser, Strom, Dünung oder Düne, ist der Untergrund davon. Das elementare Substrat, der Subgestus, der alles, was uns in zähen, in gebrechlichen Zeichen und Ausdrücken ankommt, suggestiv zuführt.

Den Schiffbrüchigen trägt das, wenn Schwimmweste und Balken schon längst nicht mehr sind.

Zur Frage, ob die Sirenen griechisch sind

Es könnte, wieder alles Vermuten, sein, dass die ersten Sirenen, die Kafka begegneten, doch die aus dem Munde der siebzig Übersetzer waren. Vermutlich streifen sie seit jeher in Einöden, bevorzugen Ruinen und Grüfte oder die trockene Hitze der Nacht. Sie kommen aus Ägypten, aus Phönizien und den Ländern weiter dahinter. Niemand weiß, wo in aller Welt die Sirenen, an denen Odysseus vorbeifuhr, ihr schmales Rasenstück hatten. Sie lagerten, streckten und dehnten sich, wie es scheint, in einer Welt schier aus Glas.

Da sie Vögel sind, vermögen sie von überallher überallhin zu fliegen. Das Gefieder, das ihnen einst die Musen ausgerupft hatten, ist allmählich nachgewachsen. Aber es ist wahr, das Singen haben sie eingestellt. Sie sind ein Gesang, der, wie aus dem Buch Hiob und denen dreier Propheten zu entnehmen ist, zwischen Schakalen, Ziegen und anderen Fabeltieren haust.

Insofern sind sie von der Art, auf die unsere eigentlich menschliche Linie direkt zurückzielt.

Selbst wenn die Sirenen auf keiner der griechischen Inseln entstanden, so sind sie doch irgendwann zu den Griechen gekommen, in der Fracht der Bilder- und Zeichenschriften versteckt, wie die Vogelspinne zwischen Bananen. Man hievte sie mit den Vokalen und Umlauten einer irgendwie erinnernden, aber unerinnerlich gewordenen Sprache an Land. Ein guter Archäologe könnte heute noch ihre ausgebleichten Knochen entdecken, sofern er in der Wurzel von ABC und Einmaleins wirklich nachgraben würde.

Ein Gesicht: Erst ist es ein Schacht, wie die Null, aber innen schwarz, also wie ein Tunneleingang, das dunkle Gegenstück zu einem Tunnelausgang, von dem niemand weiß, ob er überhaupt existiert. Dann steht mitten auf den Schienenschwellen ein Schemel mit drei Füßen, wie abgestellt. Aus dem Tunnelgewölbe, aus im Dunkel nicht sichtbaren Ritzen und Spalten, steigt eine Art Erdrauch empor und hinab. Hier führt der Gang, der ganz am Ende bei den Sirenen auftaucht. Deswegen sagt man auch: sie gehören dem Entseelten an. Sie sind dessen pantomimische Wiederkehr.

Und es heißt: die Welt, die heute um uns herum in Bildschirmen, Lindenwäldern und Verkehrszeugen aufblüht, jeden Tag wie frisch aus dem Ei, das ist ihr Ei, teils Eiweiß, geschlagen, teils Schale in Splittern, teils Dotter, zu Feuer, in Tieren und Menschen zerquirlt, bis zur Larve und zur Eintagsfliege herab.

 Odysseus

Die Frage, ob die Sirenen ägyptische Seelenvögel, phönizische Weltachsendreher oder Phantasmen der vormesopotamischen Wüstenflächen waren, mündet schließlich in die Frage, woher Odysseus in Wahrheit kam, genauer, woher Homer ihn nahm.

Diese Frage ist so schwierig wie die erste und führt auf den Anfang des homerischen Epos zurück: ‚Andra moi ennepe, Mousa..‘, ‚Den Mann mir nenne, Muse…‘

Tatsächlich sind es die Musen, die von Odysseus und von ihren einstigen Rivalinnen, den Sirenen, erzählen. Jedoch das, was es mit den Sirenen auf sich hat, hören wir zuerst aus dem Munde der Kirke. Hier ihre Weissagung, die sie beim Abschied dem Odysseus, der als einziger Mann ihren Zauber durchstand, mit auf den Weg gibt:

‚Du aber höre, so wie ich es jetzt dir künde; ein Gott wird dich selbst noch erinnern. Zunächst wirst du Sirenen begegnen.

Diese bezaubern sämtliche Menschen, wer auch immer sie träfe.

Wer diesen Sirenen unberaten sich nähert und anhört, was sie ihm singen, dem treten nicht Frau und unmündige Kinder entgegen, wenn er nach Hause kehrt, und freuen sich seiner, sondern die Sirenen bezaubern ihn mit ihrem hellen Gesang, auf einer Wiese sitzend, und um sie her ist von Knochen ein großer Haufen, von Männern, die verfaulen, und es schrumpfen rings an ihnen die Häute. Treibe da eilig vorbei, streiche über die Ohren der Gefährten Wachs, honigsüßes, nachdem du es geknetet, dass keiner von den anderen höre. Doch du, wenn du wolltest, höre sie. Doch sollen sie dich in dem schnellen Schiff mit Händen und Füßen aufrecht an den Mastschuh binden – und es seien die Taue an ihm selber angebunden -, damit du mit Ergötzen die Stimme der (beiden) Sirenen hörst. Doch bittest du oder befiehlst du, dass die Gefährten dich lösen, so sollen sie dich alsdann mit noch mehr Banden binden. Doch sind die Gefährten nun an diesen vorbeigerudert, dann werde ich dir nicht mehr weiter der Reihe nach ansagen, welcher von beiden Wegen der deine sein wird, sondern auch selber musst du es in dem Gemüt bedenken. Doch will ich ihn dir in beiderlei Richtung sagen.‘ Od.12, 37-58.

‚Vernunft und List‘, bemerkt Benjamin, ‚hat Finten in den Mythos eingelegt; seine Gewalten hören auf, unbezwinglich zu sein. Das Märchen ist die Überlieferung vom Siege über sie. Und Märchen für Dialektiker schrieb Kafka, wenn er sich Sagen vornahm. Er setzte kleine Tricks in sie hinein; dann las er aus ihnen den Beweis davon, ‚daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können‘. Mit diesen Worten leitet er seine Erzählung von dem ‚Schweigen der Sirenen‘ ein.‘ 254

Benjamin lässt unerwähnt, dass nicht irgendeine Vernunft oder List Finten in den Mythos eingelegt hat, sondern dass diese aus den Weissagungen und Weisungen der Kirke herrühren, einer Gottheit, bestimmt nicht jünger als die Sirenen oder irgendeine andere mythische Gestalt und Gewalt. Ihre Vernunft und List befinden sich vielleicht noch eine Schicht unter dem Mythos, wie ihn Homer aus der Muse empfängt. Das Orakel, nicht mehr nur als Rätsel, sondern schon wieder Weissagung, kommt den mythischen Verhängnissen – zuweilen als kindisches Märchen – zuvor. Dass diese gleichsam frühere List und Vernunft ihre spätere Erscheinungsform, wo sie nämlich als Mythos auftritt, auf einmal zu überwinden vermag, hat dann allerdings seine Ursache nicht nur in der Kirke, sondern in der Geschichte zwischen ihr und Odysseus. Also in der Geschichte einer Beziehung, in die beide zunächst verstrickt waren, die dann aber eine einvernehmliche Auflösung fand. Wäre Odysseus dem mächtigen Zauber der Kirke verfallen geblieben, ihren Gärten voller Wundergewächse und Heilpflanzen, den Gespinsten, die sie mit großer Kunst wob, oder auch ihrem entrückenden Gesang, er hätte nie das Abenteuer mit den Sirenen gehabt, geschweige denn zu überleben vermocht.

Wir wissen nicht, was Kirke dazu trieb, Odysseus im Hinblick auf die Begegnung mit den Sirenen nicht nur zu warnen, sondern auch zu rüsten. Vielleicht war es eine, in ihrer Beziehung gewachsene neue, irgendwie freiere Form der Liebe zwischen zwei Wesen, die sie dazu brachte. Aber es könnte auch sein, dass selbst darin noch ein Funken von Selbstsucht und Eifersucht war, nämlich den Mann, der von ihr schied, nicht Frauen zu überlassen, deren Gesang vielleicht verführerischerer als der eigene war.

Odysseus muss es gelungen sein, das Rätsel der Liebe der Kirke so zu lösen, dass Kirke in gewisser Hinsicht Kirke bleiben und dennoch Odysseus gehen lassen konnte. Im Hinblick auf Odysseus bleibt unklar, ob er mehr zu seiner Bindung mit Penelope stand oder mehr auf seiner männlichen Freiheit beharrt hat. Jedenfalls konnte ihn Kirke entlassen, ohne sich wie die Sphinx vom Felsen oder wie die Sirenen in den Ozean stürzen zu müssen.

So haben die Finten, die List und Vernunft gegenüber den Sirenen in Anwendung bringen, vielleicht mehr mit Kirke und mit Penelope zu tun, als mit Odysseus, dessen eigentätiger Anteil bloß darin bestand, irgendeinem ihm wahrscheinlich selbst unklaren Vorsatz, einer Vorstellung, in der Abenteuer und Treue sich merkwürdig miteinander verbanden, auf sehr gewundene Weise treu geblieben zu sein.

Eine sonderbare Bewandtnis hat es schließlich noch mit den Tricks, die als letzter Kafka in den Sagenstoff einflocht.

Bei Homer stopft er nur die Ohren der Gefährten mit Wachs, dem ‚honigsüßen‘, nicht aber die eigenen. Wenn nun der Gesang der Sirenen oder ihr noch stärkeres Schweigen alles durchdrang, dann wurden wohl auch seine Gefährten an den Rudern davon erfasst. Aber von ihnen erzählt Kafka nicht. Und die Taue und Trossen Homers, die er zu Ketten verstärkt, erweisen sich nun tatsächlich als ‚unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung‘ gegenüber den Lockungen, die der Sirenengesang auf die Männer an den Riemen ausübte. So bleibt als einzige Erklärung des Vorgangs, dass die Sirenen wirklich im Schweigen ausharrten, zumal es ihnen nur um Odysseus und nicht um seine Mannschaft als Beute zu tun war. Und dass Odysseus unter den Männern der einzige war, der sie gleichsam leibhaftig sah und aus der Sehnsucht, mit der sich die Sirenen in sein Augenpaar stürzten, ihren ausbleibenden Gesang zu ergänzen vermochte.

 Noch einmal: das Schweigen

Ist das Schweigen der Sirenen anders als das Schweigen, das die Pythagoreer bei der Einsicht in die Tetraktys einübten?

Schweigt die Materie, von der Pythagoras sagte, dass sie nicht zu denken, dass sie wortlos, ein Alogon, ein Arrheton sei, schweigt die Materie anders oder genauso wie die Sirenen?

Die Sphären sollen singen. Oder ist es nicht vielmehr ihr Schweigen, das in uns tritt, aus einem Verschwiegenen ins andere?

Ich weiß nicht, ob fünf Jahre zuviel sind oder ob fünf Jahre Schweigen für einen Menschen genügen, als Einübung in ein feineres Hören, das auf den Sprossen und Stufen des Universums den leichtfüßigen Aufgang und Abstieg der Engel vernimmt.

Ich bin ein Mensch, in schweren Schuhen. Der Acker bleibt daran kleben. Ich teile mich auf, verteile mich auf meine Bedürfnisse, meine Vorlieben, meine Notwendigkeiten. Ich stehe in einer Umverteilung, die manchmal gewisse rechnerische, manchmal eher ökonomische Gründe, Annahmen, Überlegungen aufweist. Ich weiß nicht, was davon richtig, was davon falsch besetzt ist. Ich gehe in Buchstaben auf, die seitwärts hineinschreiten und seitwärts wieder hinausschreiten. Sie bilden einen endlosen Zug, eine unaufhörliche Prozession, bei der es manchmal mit Rattern zugeht, manchmal mit Gesang.

Wenn ich mich aufgeteilt weiß, verleiht mir diese Gewissheit eine kleine Muße. Dann lerne ich wieder. Dann bin ich wie ein Hund unter Schafen. Dann ein Arbeiter, der irgendwelche Geräte montiert. Dann füllen sich alle Kanäle, die durch mich hindurchführen, mit einem Schweigen aus, an dem ich mich nicht satthören kann.

So groß ist das Archipel meiner Inseln, dass sie von alleine schwimmen und dass ich auf jeder neu lernen muss, auf schwankendem Boden zu Hause zu sein.

Dass ich mich aufteile und in Aufteilung bin, auseinanderfliege und wieder in mich zusammenstürze, damit habe ich zu leben begonnen. Zum Leben benutze ich das Reden und Schreiben, um Anschluss ans Festland, an den Himmel zu bekommen. Fahrpläne lassen sich errechnen, dies aber nicht.

Unser Glück: das Schweigen trägt. Sonst wären wir schon längst im Boden versunken. Es trägt, weil es noch geduldiger ist als Papier. Vielleicht trägt es die, die es am wenigsten einhalten, mit größerer Nachsicht und Zartheit als alle, die darin schon vielfach geübt sind. Vielleicht ist deshalb die Geduld mit den Menschen, den Schwatzhaftesten unter den Geschöpfen, am größten. Dann kommen die Vögel, die Lerche allen voran, vor den Vögeln die Bienen, hinter den Bienen die Schakale in den Trümmern Jerusalems, und zuunterst, noch unter den Fischen, die in ihren Blasen kleine Laute abgeben, zuunterst wahrscheinlich der Sand, unter Wasser in Schweigen gebettet.

Unter den Materien singen die Kristalle am hellsten. In den Metallen das Erz, aus dessen Wurzeln Saiten gezogen und Klangkörper hergestellt werden, wie Schellen und Glocken.

Im Lehm ist es still, solange er roh ist. In den Ofen geschoben singt er vielleicht, wenn er durch und durch Glut wird. Danach, einmal gebrannt, tönt er wie Trommeln, kann aber auch still sein wie der Raum, den die Urne verschließt.

Das Schweigen trägt. Es trägt, wie das Gas im Ballon. Der Ballon wird nicht von seiner Hülle getragen, sondern vom Gas. Die Hülle zeigt ihn, wie er im Luftraum schwebt, aber eigentlich ist es Gas, das ihn trägt. Ein eingeschlossener Hauch, eine Art Seele. Sie ist im Ballon und trägt ihn und sie umgibt ihn und trägt ihn, nur um ein weniges träger als das still in seiner Hülle verweilende Gas.

Im Schweigen lagern unsere ersten Reaktionen, unsere ersten Reflexe, unsere drängendsten Fragen. Wenn sie je aus dem Schweigen hervortreten würden, wir könnten, glaube ich, vor ihnen nicht so gut bestehen, wie Kafkas Sirenen, als sie ihren Blick in Odysseus Augenpaar tauchten. Zwei Sirenen, sagt Homer. Eine tauchte in das linke, eine in das rechte Auge des Helden. Dort sind sie seither verschwunden. Sie zogen dieses Hinabtauchen dem Sturz in die Tiefe vor, vielleicht weil dieser Abgrund ihnen schon viel zu gewiss war.

Wir haben schon Mühe, vor dem zu bestehen, was seit jeher daraus hervorbricht: Materien, Geister, Formen, Gliedmaßen, Organe, Zentimeter, zentripetale Pendel, komplette Quarzituhrwerke, Mörser, Kaliber, Volumen.

Namen für Worte, Gedanken für Dinge, die so unausbleiblich sind, weil sie außer uns keinen Ort haben. Manchmal sind sie im Anzuge, wie Prozessionen, manchmal in einer nicht abreißenden Flucht, als könnten sie nur in uns Bleibe und Unterkunft finden. Als müssten sie, die doch von so weit her kommen, ausgerechnet in uns, in diesem toten Winkel, in diesem gänzlich blinden Fleck der ganzen Materie etwas einholen, was hinter ihnen schon lange, in blutigen Opfern, preisgegeben worden sein mag.

Ich rede vom Schweigen, als wäre es beredter als alles, was sich in Worten ausdrückt. Es ist eine Taubstummensprache, die Gebärde eines geknebelten Gottes. Odysseus ist ein Gott, Pythagoras ist ein Gott, Kirke ist eine Göttin, die Materie ist wie Gott. Gott ist eine Idee, sprechend und handelnd, aber schwerer geknebelt als wir. Unsere Knebel sind unsere Zungen, verkrampft und beweglich zugleich. Manchmal liegen sie wie Bierleichen im Mund und geben schlechte Ausdünstung von sich.

Dann wälzen sie sich in ihrem Bett, von schweren Träumen bewegt. Dann stammeln sie, wie die Hände der Trommler. Sie schlagen an den Zahnreihen an und gegen den Gaumen, dann und wann in Stammeln, in Konvulsionen verrenkt. Wirklich, sie leiden, leidvoller als unsere Mägen an überreichlicher oder verdorbener Kost.

Aber das Schweigen ist auch ein Grab. Es ist die Grube, aus der die Sirenen aufsteigen. Aus unzähligen, vor uns gestorbenen Toden steigen sie auf, wie die Harpyen, wie die Erinnyen aus dem Blut der Erschlagenen. Nur dass ihr leuchtendes Haar und ihr wunderbarer Gesang in die Lüfte hinaushängt und niemand, der sie erblickt, weiß, ob es Spuk oder Fratzen, Engel oder Gespenster, Larven der Materie oder Schmetterlinge einer drängenden Einbildung sind.

Kafka meint, dass die Sirenen geschwiegen haben könnten.

In den Worten, die sie, von einem ähnlichen Begehren wie Odysseus erfüllt, diesem von der Insel aus zurufen, steckt auch bei Homer nur das Versprechen ihres Gesangs. Denn die schmeichelnden und bezaubernden Worte, die sie dem Helden zusingen, sind nur ein Vorspiel:

‚Hierher, Odysseus, Ruhm aller Welt, du Stolz der Achaier!

Treibe dein Schiff ans Land, denn du musst unsere Stimmen erst hören; Keiner noch fuhr hier vorbei auf dunklen Schiffen, bevor er Stimmen aus unserem Munde vernommen, die süß sind wie Honig. So einer kehrt dann mit tieferem Wissen beglückt in die Heimat. Alles wissen wir dir, was im breiten Troja die Troer, was die Argeier dort litten nach göttlicher Fügung. Und allzeit wissen wir, was auf der Erde geschieht, die so vieles hervorbringt.‘ Od.12, 184-191.

So fuhr Odysseus an der Insel der Sirenen vorbei, ohne dass ihm aus dem Munde der Sirenen mehr zu Ohren kam, als die Anpreisung ihres Gesangs. Insofern weist das Epos Homers, das vordergründig ja nichts anderes ist als erzähltes und gesungenes Wissen von dem, ‚was im breiten Troja die Troer, was die Argeier dort litten‘, eine ähnliche Bedeutung und Eigenart auf, wie die, die Benjamin der Epik Kafkas zuschreibt, nämlich ‚das Kommende hinauszuschieben‘ 257.

Was nun Benjamin selber angeht, so hat es beinah den Anschein, als hätte er in dem Helden der Sirenenepisode einen Vorfahren jenes modernen Abenteurers entdeckt, der in seinen Schriften gelegentlich als Flaneur vorgestellt wird.

 *) ein gelehrter, poetisch-änigmatischer Kommentar zu den Sirenen, ihrem Gesang und ihrem Schweigen, 1992; die Zahlen nach den Zitierungen verweisen auf Walter Benjamin, Angelus Novus ‚Ausgewählte Schriften 2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1966 (248-263)

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