Karfreitag

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Wegbeschreibung

Zur Beschreibung des Durchgangs eines Menschen durchs Leben, durch die Welt, beginnend mit der Geburt und endend mit dem Tod, bedienen sich alle bekannten Sprachen der Metapher des Weges.
Abweichend davon wird auch von der Lebensbahn gesprochen, von Laufbahn und Existenz, mal mehr mit der Betonung auf dem zeitlichen Aspekt, mal mehr unter Berücksichtigung der räumlichen Vorstellung, die Dasein in dieser Welt suggeriert.
Weg ist nicht Straße und nicht Pfad, sondern irgendwo dazwischen. Ein Weg ist zu Fuß begehbar, wie ein Pfad, aber auch befahrbar, wie eine Straße. Persönliches Leben, im Bild des Weges gefasst, lässt offen, ob man eher schreitet oder mitunter auch fährt. Früher, als die Zeiten noch beschaulicher waren, ist man gerne auch gewandelt, gemächlich fürbass geschritten.

Gegen alle geschienten und mechanisch vorgespurten Alternativen, wie Lebensbahn oder Lebensgleis, hat sich der Lebensweg immer wieder durchgesetzt und bis heute gehalten. Das hat seine guten Gründe. Denn zu Fuß, im Schotter eines Gleisbetts zu marschieren, wenn das öffentliche Verkehrsmittel, Schienenbus oder Bahn ausgefallen ist, macht Mühe und Beschwer. Die Lebensbahn ohne Geleise, vom Typ der Autobahnen, ist auch nur dann kommod, wenn Führerschein und Kraftwagen zur Verfügung stehen. Aber schon ein Stau, ein gesprengtes Teilstück, ein verstopfter Tunnel, ein Bergrutsch, der über die Autobahn gekommen ist, kurzum alle Störungen, die ein Weitergehen zu Fuß erzwingen, beweisen dem gequälten Fußgänger, dass auch leere Autobahnen bei der schlichtesten Fortbewegung (auf Schusters Rappen) für diese Form der Fortbewegung nicht geplant worden und denkbar ungeeignet sind.

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Birkenwald

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kein Riss

kein Riss, kein Reißverschluss –
das Leben geht weiter [ins Weite]

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DIG IT

Etwas vor 1970, also vor über einem halben Jahrhundert, erschien in Ffm. diese erste Nummer einer „Underground“-Zeitschrift. Auf Seite 2 ein längerer Text mit einer merkwürdigen Aktualität, die sich in den Tagen von Friday for Future auf diese und alle ähnlichen Aufbruchsbewegungen [aus der auch DIG IT] hervorgegangen ist, beziehen lässt.
Heute weiß jedermann, was „Digitalisierung“ meint.
Diesen Begriff kannte man damals gar nicht. Inzwischen ist es umgekehrt: die Wendung „Dig it!“, [etwa „Mache [es] ausfindig!“] ist von der DIGITalisierung verschlungen.

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Inspiration

Sie [Muse im blauen Rock]: Pass auf, dass du nichts verschüttest. Es wäre schade um jeden Tropfen.
Er [Apollo, den Dichter tränkend]: Keine Sorge, es ist genug davon da.

gesehen im Landesmuseum Hannover

 

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Wiedersehen

ein böiger Sonntagnachmittag in der City:
„Ich freue mich, dass ich Sie seit langer Zeit wieder sehe – fahren Sie immer noch zum Flughafen?“ – „Seit fünfzig Jahren. Ich komme gerade von München und will nach Hause.“

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darkness Dunkelheit

a.
my darkness is the enlightenment
I missed

b.
meine Dunkelheit ist eine Erleuchtung
ich hab mich darin verguckt

 

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gewiss – im Vertrauen gesagt

Das erstaunliche Vertrauen, das die Gläubigen früherer Zeit in ihre Worte setzten, Gebete und Anrufungen, dass sie Gott gefallen würden. Gewiss, sie haben sie nicht selbst erfunden. Sie wurden ihnen als Worte überliefert, rituelle Formeln, die den Frommen, den Propheten und Gottesfürchtigen vor ihnen eingegeben worden waren. Also ‚Gottesworte‘, die nun an Gott zurückgingen. Gebete, Gesänge, durch die man sich beteiligte am Diskurs Gottes mit sich selbst, beiträgt zu einem inneren Austausch, durch den der äußere Verkehr, das ist das Leben dieser Welt – in dieser Welt – aufrechterhalten werden sollte.
Erstaunliches Vertrauen, durch Gewissheiten unterfüttert und untermauert, die wir heute bestaunen wie ein Archäologe, der eines Tages mit dem Spaten auf die verschütteten, unter dicken Ablagerungen verborgenen Grundfesten der Welt treffen sollte.

Soweit diese Gewissheiten heute noch zu Wort kommen, man ahnt, sie sind nicht einfach so hingeredet, auch keine (Auto)Suggestionen, sondern wirklich im Vertrauen gesagt. Sie kommen aus einem Selbst- und Gottesverständnis, das umso mehr Rätsel aufgibt, umso mehr wir uns davon entfernen. Und es scheint, als hätte die Gewissheit ihrer Überzeugungen immer wieder dazu geführt, auch Gott stets von neuem an Vergebungsmacht und Güte glauben zu lassen, die Gottheit in ihrer Wohlgesonnenheit, als eine wohl-tuende „Instanz“, zu befestigen.

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Sprechübungen, Schreibübungen

#Stumm kommt man zur Welt. Das verlernt man nicht so schnell, man wird es nie wirklich los.
Bis zum Lebensende geht man dagegen an, gegen diese angeborene, diese mitgeborene Sprachlosigkeit. Ein zäher und verzweifelter Kampf, den man zum Ende hin doch wieder verliert, im Verstummen, das mit dem Tod eintritt.
Es gibt Kinder, die gleich nach der Geburt begierig nach den Lauten greifen, die zu ihnen hinfinden. Es sind Geräusche und Worte – schwer auseinander zu halten. Sie nehmen diese Geräusche und Laute in sich hinein und bringen sie wieder hervor, ähnlich als Geräusch oder anders als Laut und nicht wiederzuerkennen. Die Anstrengung, die dabei ist, verzerrt ihre kleinen Gesichter.
Das Erlernen der Laute und Worte ist eine Sache, das Verlernen der hartnäckigen Stummheit, das Ablegen dieses unsichtbaren Knebels eine andere.
Ich habe nicht zu denen gehört, die mit rascher Auffassung einen raschen Weg ins Sprechen gefunden haben. Ich erinnere mich nicht. Aber es ist mir gesagt worden, dass ich noch mit vier Jahren unwillig war, Worte zu gebrauchen. Ich habe gegrunzt, zustimmend gegrunzt und ablehnend gegrunzt. So ist es überliefert. Ich erinnere mich nicht. Vielleicht fängt Erinnerung, auf die man später Zugriff hat, erst mit dem Sprechen an, mit der Initiation in Sprache, die bei jedem Kind anders aussieht, bei ähnlichem Grundmuster.
Meine Großmutter war über mein Schweigen sehr besorgt, drei Jahre nach meiner Geburt und als das vierte Lebensjahr beinah schon vollendet war. Sie schlug vor, mein Zungenband zu lösen. Das war ein symbolischer, zugleich aber operativ gemeinter Vorschlag. Er wurde nicht durchgeführt. Es war im ersten Jahr nach dem Krieg und auf dem Lande und gab ohnehin andere Sorgen und Wichtigeres zu tun und zu beschaffen.
Stumm und linkshändig kam ich zur Welt. Den Regeln dieser Welt entsprechend wurde ich zum Sprechen erzogen und in Rechtshändigkeit eingeübt, entsprechend den Geboten damaliger Zeit.
Beide Konditionierungen haben mich umgedreht, in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Seitdem ich sprechen gelernt habe, kann ich nicht mehr schweigen, wenn ich zusammen mit anderen bin. Schweigen bereitet mir Pein. Meine Linkshändigkeit ist auf meine Rechtshändigkeit übergegangen. In meinem Kopf hat sich irgendetwas verdreht. Aber das geht in Ordnung so, inzwischen.

Das Schreiben ist, wie mir scheint, ein Ausweg aus dem Zwang, zu sprechen. Es ist eine Mischung aus Schweigen und einem Sprechen, das wenig zweckmäßig ist. Es geht ins Dichterische und ins Absurde. Wir imaginieren in die Worte hinein. Es entstehen Sätze daraus, Absätze, Rede und Gegenrede, Texte, die sich wie Webmuster und Teppiche zwischen uns und über Seiten ausdehnen.
Freie Rede und ungebundenes Schreiben müssen geübt werden, wenn sie aus der Sprechblockierung oder dem Sprechzwang herausführen sollen.
Dieses Üben geht ganz früh los, geringe Zeit nach dem Erwerb der Sprechfähigkeit.
Wenn die Hand ihre Beihilfe versagt, ist man schlecht dran.
Meine Hände haben sich gegen das Schreiben, gegen das Nachzeichnen von Buchstaben und das Verbinden dieser Zeichen zu Worte, und das alles mit Federhalter und Tinte, mächtig gesperrt. Aus meinen Händen floss eine hässliche Schrift, stockend und kratzend. Die Feder hinterließ auf dem Blatt eine krakelige Spur, einen schwarzen oder blauen Riss, Federspritzern und Tintenflecken begleitet.
Ein kleines Wunder, dass ich durch dieses Hässlichschreiben (in Schönschreiben hatte ich die allerschlechtesten Noten) überhaupt zum Schreiben durchgefunden habe. Ich glaube, das verdanke ich der Erfindung der Schreibmaschinen. Meine ersten Schreibübungen sind über Schreibmaschine entstanden. Da nahmen mir die Schrifttypen das hilflose Nachzeichnen der Buchstaben ab. Allerdings war ich schon in der Vorschulzeit ein guter Leser. Ich las in der Klasse am besten und war sehr stolz, aufgerufen zu werden, wenn etwas vorgelesen werden sollte.
Wenn ich heute schreibe, schreibe ich über Tastatur, inzwischen auch gerne mit Kugelschreiber, Stift oder Tinte. Kugelschreiber waren in meinen Kinderjahren verboten. „Das verdirbt die Schrift“, hieß es. Aber vielleicht steckte darin bloß ein unbewusstes Ressentiment. Die ersten Kugelschreiber wurden von einem Juden erfunden und entwickelt.
Ein Sprechen, das gegen große Widerstände geübt und erworben worden ist, läuft Gefahr, von einem Tag auf den anderen verloren zu gehen. Deswegen muss man sich daran halten und diesen kostbaren sozialen und kommunikativen Erwerb nicht fallen lassen.
Auch das Schreiben hat sich gegen gewaltige Widerstände und Hemmungen durchgesetzt. Diese Blockierungen wirken heute noch nach und die Hindernisse, die mir das Schreiben entgegengesetzt, türmen sich auf. Jedes Mal wieder wachsen sie vor einem auf, wie umgebrochene Schollen verwehren sie dem Schreiber das Schreiben. Hier hilft außer der Sympathie der längst verblassten Poeten und außer dem Vorbild, vielmehr Vorgang der großen Propheten nichts und niemand wirkungsvoll weiter.

aus: schwer zu sagen 55, 28. 10. 2012

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