Spalierobst

Spalierobst

Birnen und Äpfel hängen in den See herab

Bäume stehen Spalier aber die Früchte halten sich nicht daran

sie wippen und berühren die Oberfläche des Sees

auf der sich Kreise bilden und Wellenkringel

das Spiegelbild der Sonne löst sich in blendende Flecken auf

in den winzigen Wellentälern zeigt sich der blaue Spätsommerhimmel

er zerfließt und fließt zu neuen Signaturen zusammen

zwei Spätsommergäste aus Meran oder Bozen

gehen entlang

die Felsen des Rosengartens fallen in den See hinein

sachte gerötet von der sich neigenden Sonne

siehst du den Schneefleck im Wasser?

sagt die Frau zu dem Mann

ein Gletscher ist das

sagt der Mann

eine Gletscherzunge

die der Dolomit in den See streckt.

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prophetische Präsenz

Jemand balanciert auf einem Geländer einen Blumentopf

der Topf fällt herunter

zum Glück ein leerer Topf

der den Fall aus großer Höhe übersteht

das habe ich kommen sehen

sagt der Topf in prophetischer Rede

ja

niemand hat es so genau gesehen

niemand hat es so kommen gesehen

nur der prophetische Topf

sah es so

kommen

allein aus hohlem Bauch konnte geschehen

seine Weissagung

sein Überleben des Sturzes in große Tiefe hinab.

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Glaubensgewissheit

ein gläubiger Mensch hat die absolute Gewissheit:

ich habe keine Alternative und keine

andre Option

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Die Stadtbahn fährt über Knochenwirbel und Ellenbögen
die Gleise sind aus Schienenbein
Sie fährt zwischen Schulterblättern hindurch und saust gleichförmig zwischen
gewundenen teils schnurgerade verlaufenden Verkehrsadern
zwischen Bordsteinen und knapp gehaltenen Verkehrsschildern

ein achtlos überquerender Passant bewirkt eine Bremsung
die Fahrgäste und Einkaufstüten fallen über einander
sie wissen
dies ist nur zum Teil eine virtuelle Reise
überall geht Wirklichkeit
legen Realitäten los
ja
schön ist es in wild bewegten
in trotzdem gebahnten Zeiten zu leben!

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was für eine unmögliche Welt!

Lidschlag einer Schlange

Gesang einer aufgeschreckten Elster

Flötentöne eines Ochsenfrosches

Ein Rebhuhn

In einer Pfütze räumen Taucher auf

Aus regen Röhren rinnt Wasser nach

In Tropfen

In rasch verdampfenden Tröpfchen.

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wahr ist’s

„Die Wahrheit liegt zwischen zwei Extremen, aber nicht in der Mitte.“[1]

Doch wenn sie nicht liegt, ist sie agil und springt aus einem Lebensrad in das andere.

Für Augenblicke bleibt sie dort stehen, bis der Schwung aus der einen Drehung sie in die andere schleudert.

[1] Der jüdische Kalender, 33. Jg., 2015-2016, 15. September 2015

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Gehirn

was Gehirn sei

wissen wir nicht

auch mein Gehirn weiß nicht

was ich bin

was es ist

wer du sein könntest

es leistet mir Hilfe

dieses Gehirn

das meines zu sein scheint

es arbeitet

es verarbeitet

nicht schlechter als mein Darm

Käse und Schnittlauch verdaut

auf frisch geröstetem Toastbrot

mein Gehirn ist eine extra für mich bereitete Sache

eine Merkwelt für sich

ein gut organisiertes zerebrales Organ

dessen adäquate Einschätzung keineswegs leicht fällt

„Das Gehirn ist ein Apparat“

meint Julian Tuwim

„mit dessen Hilfe viele Menschen denken, dass sie denken.“[1]

[1]  Jüdischer Kalender, 33. Jg., 15. Sept. 2015

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Lebensschwung

Der élan vital beschleunigt uns – sonst kämen wir nie aus unseren Trägheiten heraus, kämen morgens nicht aus dem Bett, abends nicht aus der Wäsche.

Lebensrad, kein Zahnrad.

Eine aus dem aufgerollten Zustand hervorschnellende Feder. Unser Schlaf ist einer auf Federkernbetten.

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schon gesagt

Alles, was es zu sagen gibt, ist bereits gesagt worden, wahrscheinlich unzählige, unwahrscheinlich viele Male zuvor (nicht eingerechnet die unzähligen Male, die der Zyklus der Ewigen Wiederkehr, so es ihn gibt, hinzufügen würde).

Man darf im Sagen davon ausgehen, dass es überhört, dass es vergessen, dass es durch andere Nachrichten oder Ereignisse beiseite gedrängt, ja regelrecht beseitigt worden ist.  Daher muss es immer wieder aufgenommen werden. Ähnlich wie beim Vergeben, wo es nicht genügt, einmal oder auch sieben Mal zu vergeben, sondern sieben hoch siebzig Mal und noch darüber hinaus, so soll und kann man mit dem Sagen – sage und schreibe – nicht aufhören.

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Chronik

Chronik des Sturms im Juni, der auch einen großen Baum auf dem Judenfriedhof nicht verschonte

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