Engel

sie gehen nach oben in Gott über
sie kommen niemals zur Ruhe
sie umschwärmen den Thron und bewegen ihn durch
die vergehenden und kommenden Himmel
nach unten gehen sie über
laufen sie über zu Menschen
durch nahende und scheinbar verschwindende Ewigkeiten
getrennt und verbunden
unter den Sohlen eiliger Engel
staffelt sich Abgrund an Abgrund
sie führen uns in Gürteltaschen mit sich
deren Klappen man mitunter neugierig öffnet
um ins Meer der Wolken zu schauen
das sich von einem Horizont zum anderen dehnt.

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die Katze im Sack

unbemerkt
ist eine graue Katze aus einem schwarzen Sack entschlüpft
in größter Finsternis biss sie sich durch den schmalen Schlund
wo der Sack zusammengeschnürt war
viele haben mich reingesteckt
klagt sie
aber


niemand hat mich herausgelassen
sagte sie
nun bin ich mitten unter euch und schnurre und
spähe nach Speck und nach Mäusen
ihr könnt mich hören
aber sehen
könnt ihr mich nicht.

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Beherzigung

wenn er sein Herz fühlte
dieses verräterische Herzklopfen
dann versuchte er
dann bekam er es meistens zu fassen
das ist es
„ein Herz finden
und fassen“ [1]

es muss
nicht unbedingt das eigene
sein.

 

[1] zu 2. Samuel 7, 27

 

 

 

 

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Worte machen

neue Worte zur wortlosen Wirklichkeit finden
doch häufig bleiben sie aus
und wenn sie sich eingeben
unterbricht man gerne
mit albernem Fragen
wozu?
wozu Worte zu einer Gelegenheit
die in dem Augenblick kommt
in dem sie vergeht
und die Worte am Ende
sich selbst überlässt?

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aufgespießt

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Venezia

es gibt einfache und sehr komplizierte
sehr schwierige Maschinen
sie lassen sich besichtigen und erkunden
manchmal muss man sich bücken oder
schlagfeste Helme anziehen
wie die venezianischen Gondoliere
zu graben und zu rudern verstehen
heitere Traurigkeit auf den Lippen und in den Gesten
jene melancholische Freude
die alles Rudern begleitet.

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im Werk zu gang

wo man früher fürbass schritt
bewegt man sich heute tastend und tippend voran
Schicksal ist fraglich
Zufall bleibt selten
fast nie aus
darauf ist Verlass
daher der Tipp
weiter über Tennen und Tastenfelder
zu gehen
hinaus
das Manuskript
die Illumination
was ins Buch des Lebens eingehen soll
rasch noch
wie einen Lottoschein
zu Ende zu tippen

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Aufenthalt

Aufenthalt am unteren Ende einer Bohnenstange
an der eine blühende Ranke sich in den Himmel hinaus dreht
auf einer Steinbank unter einer Hopfenstaude sitzen
an einem steinernen Tisch
den ein Meer von Brennnesseln überschwemmt


flüchtiger Versuch
zu kartographieren
Bestände aufzunehmen
die es hier unter Umständen gibt
ein ehernes Meer vielleicht
und über einen ausgebreitet
das weiße Rauschen
das über solche zufälligen Aufenthalte
als mächtiger Applaus hinwegfährt.

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Experten

fürs Unerfahrbare

[vielleicht Propheten]
im Fokus des Brennspiegels konzentriert
wie man als Kind auf den dunklen Punkt sah
den die durchs Vergrößerungsglas fallende Sonne
in blauen Flammen und Rauchfahnen aufgehen ließ.

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Länge

nahezu alles zieht sich in die Länge
die längste Zeit
in der man hier gewesen ist
nimmt kein Ende
Krankheiten nehmen einfach kein Ende
lange Hosen
die man anzieht und auszieht
lange Fäden
die einen fast unmerklich durchweben
fangen nirgendwo an und hören nicht auf
man wird niemals fertig
wenn man darauf wartet
irgendwann fertig zu werden
dieser Roman
den man ungewollt schreibt
hat ermüdende Längen
Verhandlungen
zwischen Nägel und Stroh
hören nicht auf

„mein ganzes Leben habe ich in Kauf genommen“
sagt sie
„um die längste Zeit hier gewesen zu sein“.

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