irren & verwirren 7

In den Vorgängen, die mit irren und verwirren zu tun haben, steckt eine tiefe Ambivalenz. Wären sie eindeutig positiv oder negativ bestimmbar hätten wir es nicht für wert und nötig befunden, uns hier lang und breit darüber auseinander zu setzen.

Schon die erste umfassende Verwirrung, von der wir Nachricht haben, nämlich die Sprachverwirrung im Zusammenhang mit der Planung und dem Bau des Turms zu Babel, weist diese gegensinnige Doppelwertigkeit auf. Da spricht Gott, Gen. 11.7:

„Lasst uns herniederfahren und ihre Sprache verwirren.“

In der Folge zerstreuen sich die Menschen in alle Winde und Himmelsrichtungen. Der Verlust machtvoller Einheit wird ersetzt durch Vielsprachigkeit, Diversifikation.

Bezeichnenderweise ist es kein diabolisches Wesen, kein teuflischer Durcheinanderbringer, der das sprachliche Wirrwarr anrichtet, sondern Gott selbst.
„Sobald man spricht, beginnt man schon zu irren“, heißt es bei Goethe.

Für verwirren gibt es das Synonym durchkreuzen.
Pläne und Vorhaben werden in diesem Sinne durchkreuzt.
Das lässt sich anschaulich sehen: die Sachen werden ausgekreuzt, mit dem doppelten Effekt ihrer Hervorhebung und einer Löschung, die sie allerdings erst einmal merklich macht, markiert.

Aus diesem seltsamen Effekt der Tilgung, die eigentlich Bewahrung zur Folge hat, sind uns aus mehrtausendjähriger Vergangenheit die vielfältigen gnostischen, ketzerischen oder schwärmerischen „Irrlehren“ überliefert. Wenn Männer, rechtgläubige Berichterstatter wie Irenäus, Hippolyt, Epiphanius und andere in ihren Schriften diese „Irrlehren“ nicht kritisch zitiert und zur Darstellung gebracht hätten, wir hätten kaum Kenntnis davon. Denn die authentischen Aufzeichnungen von Basilides, Simon Magus und anderen Religionsphilosophen sind schon früh vernichtet worden oder verloren gegangen.

Die Sprachverwirrung, die nach dem versuchten Turmbau zu Babel einsetzte, deutet darauf hin, dass eine Art von Durch-ein-ander in den Menschen sinngebend installiert ist.

Das bestätigt dieser wunderbar rätselhafte Vers im Buch Kohelet / Prediger.
Dort steht 3,11:
„Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan.
Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.“

Die im Menschenherzen und in den Menschenhirnen deponierte Ewigkeit ist hier, je nach Verständnis, Bedingung der Möglichkeit, gleichzeitig aber auch Hinderungsgrund für ein Wiederfinden, man möchte sagen: volles Erkennen.
Dies liegt nicht nur an der Begrenztheit menschlicher Existenz oder unzureichender Intelligenz. Es liegt eher daran, dass Ewigkeit kein leerer, und damit ‚klarer‘, distinkter Begriff ist.
Die ganze Welt, in die wir qua Natur und qua Geschichte verstrickt und verwickelt sind, ist in diese Ewigkeit eingelassen. Sie ist durchsetzt damit. Dies gibt vielleicht der hebräische Ausdruck olam zu verstehen, der sowohl Ewigkeit bedeuten kann, wie auch Welt, Weltzeit, Weltraum usw.

Von Anfang bis Ende ist alles verwirrend, alles klarer, vereindeutigender und feststellender Erkenntnis entzogen.
Von Anfang bis Ende, m’rosch w’ad soph lautet die hebräische Formel, von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle indefinit, nicht determinierbar: Gottes Wirken, der Gang der Welt.

Das Zusammenfallen von Ewigkeit und Welt macht ein Rätsel aus dieser Totalität. Berechtigterweise übersetzt Raschi, der mittelalterliche Exeget, die Stelle in einem Sinne, den die folgende englische Version wiedergibt:
„He also put an enigma into their minds …“
Raschi führt dazu weiter aus: der Schöpfer flößte auch weltliches, also auf die Welt bezogenes Wissen den Menschen ein, verteilte es gleichsam in Portionen auf sie alle. Daher ist jedes individuelle Erkennen beschränkt, bewegt sich im Partikularen und ist angewiesen auf das Erkennen der anderen. Damit ist es ergänzungsbedürftig, es kann bekräftigt, ihm kann aber auch widersprochen werden. Es ist widersprüchlich, dem Widerspruch ausgesetzt.

 Schließlich sei noch eine letzte Bedeutung von olam aufgeführt. Aus ihr ergibt sich folgende Übersetzung: „Es ist auch eine Verborgenheit ihnen eingegeben usw.“, wobei Verborgenheit und Änigma ineinanderspielen. Es ist ja in allen Rätseln etwas verborgen, das herausgegraben werden will, das bei allen Versuche, gefunden und entdeckt zu werden,die Forscher und Ergründer auf Umwege, durch Nadelöhre und Labyrinthe zwingt.

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