irren & verwirren 5

Bei der Beschäftigung mit dem Thema irren und wirren ist festzuhalten, dass es ein lustvolles Irren gibt und ein lustloses, oder durch Unlust eingefärbtes Irren. Im lustvollen Irren und sich Gehen lassen sind Anteile enthalten, wie wir sie kennen aus dem kindlichen Spielen, Schlendern und Träumen. Da es (noch) keinen Zwang zur Orientierung gibt, gibt es auch (noch) keinen Orientierungsverlust, der beunruhigen oder ängstigen könnte. Im ziellosen Umherstreifen wird erkundet und entdeckt. Es kommt zu Augenblicken des Innehaltens, des Staunens, des Innewerdens. Verblüffung über die Begegnungen, die seitlich stattfinden, sich am Rande des sich schlängelnden und verschlingenden Weges stattfinden. Erkundung und Erfindung bilden einen ersten Zeitvertreib.

Der rechte Weg oder vielmehr die Lehre, es gäbe einen rechten und einzig richtigen Weg, wird erst später indoktriniert. Die Orthodoxie verwirft alle Wege, die von der Hauptstraße, vom mainstream abgehen, abfließen, mit der allgemeinen Rennebahn irgendwie in Konkurrenz treten.

 Kleiner Zwischenschub: mir fällt eine kleine Ortschaft am Rande der Schwäbischen Alb ein. Landschaftlich sehr reizvoll gelegen über dem Tal der Donau, die sich dort tief eingeschnitten hat, eine Landschaft mit hellen Kalkfelsen, Buchenwäldern und wacholderbestandenen Abschnitten, die an die Lüneburger Heide erinnern. Der alte Name dieses Ortes: Irrendorf. Vor einigen Jahrzehnten stellte die Gemeinde den Antrag auf Namensänderung, dem dann auch stattgegeben wurde. Heute heißt das Dorf Irndorf und erinnert zumindest in seiner geschrieben Form nicht mehr sofort an Irrlicht und Irrenhaus.

 Besondere Aufmerksamkeit verdient unter den Verwirrung und Desorientierung auslösenden Faktoren der Schwindel.
Schwindel hat viele Erscheinungsformen und fasst unzählige mögliche Ursachen unter sich: Höhenschwindel, Drehschwindel, Schwindel, wie er bei Flug- oder Schiffsreisen aufkommen kann, Schwindel, der das Schwangerschaftserbrechen begleitet usw.

All diese Arten von Schwindel haben vielleicht nur gewisse Symptome gemeinsam, wie Fieber eine Sammelbezeichnung darstellt, oder wie eine laufende Nase auf die unterschiedlichsten Auslöser zurückgeführt werden kann.

Zum Schwindel tritt umgangssprachlich noch eine weitere Bedeutung hinzu in der Wendung:
das ist purer Schwindel, ich glaube, du schwindelst, schwindle mich doch nicht an usw.

Schon vor über tausend Jahren lagen im althochdeutschen swintilon die Bedeutungen sich schwindlig fühlen und betrügen eng beieinander. Schwindeln ist eine sogenannte Iterativbildung zu schwinden. Durch freieren Gebrauch entwickelte sich im 18. Jahrhundert schwindeln im Sinne von sich (wohin) versteigen. Diese Nüance oder Lesart, die auf den Schwindel als eine Reaktion auf Höhen- und/oder Tiefenerfahrung verweist, steht im Kontext spezifischer Erfahrungen und Konfrontationen mit Fremdheiten, die sich erst in den darauf folgenden Jahrhunderten in den gewohnten Lebenszusammenhang einreihen sollten.

Es war nicht zufällig das Jahrhundert der realen und ästhetischen Eroberung der Alpinlandschaft, das Jahrhundert Rousseaus und dann Ruskins, eine aufkeimende Natur- und romantisierende Begeisterung für alles Ferne, Hohe und Weite, in welcher dem Schwindeln diese wertfreie Bedeutung eines abenteuerlichen sich Versteigens zugewachsen ist.

Unter dem Substantiv fasste das 18. Jahrhundert nicht mehr bloß ein Taumelgefühl, das durch irgendeine Art von Wahrheits- oder Wirklichkeitsverlust, also durch ein Schwinden zustande gekommen sein konnte, sondern einen echten „Taumel der Erregung, der Begeisterung“.

Parallel dazu gab es den Schwindler als Schwärmer und Phantasten bereits im Jahrhundert davor.

Es blieb dem 19. Jahrhundert vorbehalten, aus dem Schwindler einen spezifischen Typus herauszuarbeiten, nämlich den des Hochstaplers, der sich ja auch als eine Art Höhenakrobat, als Kletterer in fingierten Höhenlagen verstehen lässt. Denn der wahre Hochstapler, also derjenige, der mit seinen Phantasien und Fiktionen seine Umwelt überzeugt, ist kein gewöhnlicher Betrüger, sondern einer, der an sich glaubt, der von den ausgesetzten Positionen, in denen er sich geschickt bewegt, als Wirklichkeiten überzeugt ist. Eine Art Schwindelfreiheit gehört zu seinem Beruf. In dem Augenblick, wo ihn der Schwindel erfasst, versagt auch sein Schwindeln – und der Ärmste stürzt ab.

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