Kanada und Muselmann

In den Berichten der Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager begegnen immer wieder diese zwei Ausdrücke, deren Entstehung oder Herkunft meines Wissens bis heute ungeklärt geblieben ist.

Mit „Muselmann“ bezeichnete man im KZ-Jargon solche Menschen, also Männer und Frauen, die infolge von Hunger, Verlust ihrer Angehörigen, Krankheit, Schläge und weitere, für die Lagerexistenz typische Widerfahrnisse ihren Lebens- und Überlebenswillen so weit eingebüsst hatten, dass sie sich in einem Zustand völliger Teilnahmslosigkeit befanden, aus dem sie durch keinerlei Aufmunterung, auch nicht durch Schläge, herauszuholen waren. Wann und wo die Bezeichnung „Muselmann“ aufkam, wer sie gleichsam „erfand“, ist völlig ungeklärt. Tatsache ist, dass sich diese Bezeichnung rasch in den großen Vernichtungslagern, insbesondere in Auschwitz, verbreitete und so geläufig wurde, wie etwa der Ausdruck „organisieren“ für die illegale Beschaffung von Lebensmitteln, Kleidungsstücken und dergleichen mehr.

Für die Bezeichnung „Kanada“ gilt entsprechendes, mit der Einschränkung, dass dieser Ausdruck vorwiegend – oder vielleicht auch ausschließlich – im Lager Auschwitz kursierte. Die Insassen verstanden darunter einen eng begrenzten Bereich des Lagers, in welchem die Habe und Habseligkeiten aufgehäuft und gelagert wurden, die den Menschen bei ihrer Ankunft an der Rampe abgenommen worden waren. In diesem Warenlager innerhalb des Vernichtungslagers hatten Häftlinge die Aufgabe, die abgenommenen Schuhe, Hosen, Jacken, Hüte, Pelze, Handschuhe, die Brillen, Zahnersatz, Haare, Kinderspielzeug, Koffer, Münzen und Banknoten, Medikamente und so weiter und so fort zu sortieren.

Für diesen ebenso bizarren wie grauenhaften Ort hatte sich die Benennung „Kanada“ eingebürgert. Es gibt auch hier dafür, dass diese Bezeichnung allgemein akzeptiert und weitergegeben wurde, durchaus einen Erklärungsbedarf. Der gelegentlich unternommene Deutungsversuch, dass die Menschen in Auschwitz unter Kanada eine Art El Dorado, ein Land mit unvorstellbaren Reichtümern vermuteten, trifft weder die Phantasien der in Auschwitz festgehaltenen Menschen, noch irgendwelche Vorstellungen, wie sie von Menschen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts im Hinblick auf Kanada gehegt worden sein könnten. Und schließlich und letztlich liegen weder das geographische noch das imaginäre Kanada im Umkreis der Assoziationen, die durch den Anblick der aufgetürmten, den inzwischen vergasten Besitzern abgenommenen, entrissenen und geraubten Habseligkeiten je ausgelöst werden könnten.

Da liegt, wie auch im Falle des „Muselmanns“, eine andere Ableitung näher. Sie geht davon aus, dass die Mehrzahl der in den Vernichtungslagern, mithin auch in Auschwitz Inhaftierten,

nicht nur jüdischer Herkunft war, sondern – und das gilt vor allem für die osteuropäischen Juden, das Jiddische entweder als Muttersprache hatten oder es zumindest verstanden oder sich darin verständlich machen konnten.

Das Jiddische, ein Dialekt, der durchsetzt ist mit Worten, die zum Teil aus dem alten Deutsch, zum Teil aus osteuropäischen Sprachen und dem Russischen, zum Teil aus dem biblischen Hebräisch, bzw. Aramäisch (des Talmud) entlehnt, bzw. übernommen und umgeformt worden sind.

Für den Ausdruck „Kanada“ könnte geltend gemacht werden, dass er auf die hebräische Wurzel „qanah“ zurückgeht, „erwerben, besitzen“. „miqenah“ ist darüber hinaus so viel wie „Reichtum, Besitz“. Klanglich am nächsten zu „Kanada“ wäre die Form „qaneta“. Vielleicht ist „Kanada“, als Bezeichnung für das Raubgutarsenal im Auschwitz, eine Akkumulation und „Erwerbung“ von nie da gewesener Art, dadurch entstanden, dass der hebräische Ursprung, überdeckt oder versteckt wurde. „qaneta“, „er/sie hat (sich) angeeignet“ könnte dann zu „Kanada“ geworden sein. Das Wort ist in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen und dem Deutschen, der in den Lagern dominierenden Verkehrssprache, eingepasst worden (des Deutschen mächtig zu sein, das war bereits ein gewaltiger Überlebensvorteil).

Ähnliche Voraussetzungen gibt es für den Ausdruck „Muselmann“. Zwar liegt hier im Jiddischen „mußulmán“ als Bezeichnung für einen Moslem vor. Aber auch hier stehen Sache und Wort in einem so völlig anderen Horizont, dass die Annahme einer Übernahme dieses Worts als Bezeichnung für einen Menschen im finalen Stadium des Verhungerns doch irgendwie abwegig erscheinen muss.

Ein Vorschlag wäre, den ersten Wortteil „musel-“ von dem hebräisch-jiddischen „masl“ herzuleiten. Wir kennen es aus der Gruß- oder vielmehr Glückwunschformel „masl-tów“.

„masl“ ist in seinem umfänglicheren Sinn keineswegs nur „Glück“, sondern „Schicksal“.

Ein „Muselmann“ wäre demnach ein „Schicksalsmensch“. Darunter ließe sich verstehen: ein Mensch, der vom Schicksal so geschlagen ist, dass er sich in dasselbe völlig widerstandslos fügt. Dies entspräche auch den Erscheinungsbild der so genannten „Muselmänner“, deren gebrochener Lebenswille einen solchen Grad an Apathie und „Schicksals-Ergebenheit“ angenommen hatte, dass sie zu keinerlei Widerstand mehr fähig waren. Jedenfalls dem äußeren Anschein nach hatten sie sich restlos in ihr Los gefügt. Leben war nur noch Warten auf den Tod.
Diese offensichtliche Schicksalsergebenheit mag die Verwendung des Ausdrucks „Muselmann“ befördert haben. Aber auch hier ist die ursprüngliche Wort- und Bedeutungsquelle nachhaltig verschüttet, vielleicht muss man auch sagen: chiffriert worden. Von wem auch immer.

Wahrscheinlich kursierten in den Lagern noch weitere Ausdrücke dieser Art. Aber bezeichnenderweise haben sich diese beiden Bezeichnungen durchgesetzt und erhalten, die in schwindelerregender Weise zwei Phänomene benennen, die sich auf dem jeweils völlig entgegengesetzten Ende einer „Skala“ befinden, die das Megaphänomen Auschwitz umspannt. Die pervertierte und zugleich grauenerregende Akkumulation von enteignetem Hab und Gut am einen Ende, und das völlig ausgezehrte, ausgebeutete und planmäßig entmenschte Menschenwesen. Kanada und Muselmann bezeichnen die Pole Reichtum und Hunger in ihrer absolut verzerrten, völlig  pervertierten Erscheinungsform.

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