Bünde und Trennungen

Moses Cordovero war aus Spanien geflohen und in die Ortschaft Safed gekommen, in das einstige Land der Väter und Mütter. Dort schloss er sich einem mystischen Kreis von Gleichgesonnenen an. Am Vorabend des Sabbat ging man in die Felder hinaus, wo sich die Gräber der großen Lehrer von ehemals befanden, um sich über die Tiefen der mystischen Überlieferung, über den Abgründen der Kabbala zu besprechen.

„These peregrinations, popular with the mystics of the period, were known as gerushin, ‚divorces‘, i.e. from hearth and home, in pursuit of mystical truth.“ Cordovero legte diese Gespräche mit seinen Kollegen in einem Tagebuch nieder, das er Sepher Gerushin, ‚Buch der Scheidungen‘ nannte.[1]

Der Titel spielt an auf den Akt der Ablösung und Distanzierung an, der im realen Leben und als juristischer Vorgang zwischen Mann und Frau erfolgen oder vorgenommen werden kann. In der Absicht, festtägliche und transzendentale Räume zu eröffnen, wird der Alltag radikal zurückgelassen. Die peregrinations, gleichsam exkursgeladene Exkursionen, beinhalten den vorübergehenden Austritt des Mannes aus den familialen, weiblich konnotierten Lebenszusammenhängen wie seinen Eintritt in eine spezifisch konstellierte Männergemeinschaft, eine esoterische Öffentlichkeit.

Allerdings ist der Ausdruck gerusch mehrdeutig und nicht nur auf das eheliche Verhältnis, beziehungsweise auf dessen Auflösung zu beziehen.

Im Hinblick auf die Vertreibung, hebräisch gerushin, Adams aus dem Garten Eden findet sich im Midrasch Rabba zu Genesis 3, 24 die Bemerkung: „He (God) banished him to the open outskirts (migrash) of the Garden of Eden.“[2]
Die Vertreibung erfolgt demnach nicht in eine total andere Region, sondern in Bezirke, die in irgendeiner Weise (noch) zu Eden gehören. Der Duft der Bäume, die innerhalb des Gartens gedeihen, ist dort hineingeweht und hängen geblieben.

Der Ausdruck migrasch lässt mehrere Auslegungen zu.

Jacob Levy gibt an einer Stelle dafür „‚Vorwerk, Vorstadt‘, eigentlich Ort, wohin man das Vieh treibt. ‚Gott vertrieb den Adam‘, er vertrieb ihn nach dem Vorwerk des Eden.“[3]

An anderer Stelle steht „Nach dem freien Platz des Eden vertrieb Gott den Adam“[4].

Die hier gegebenen Deutungen lassen sich zusammenfassen in der Vorstellung eines Asyls, das dem Adam gleichzeitig aufgedrungen und gewährt wurde. Ein Bereich, der offenbar nicht identisch ist mit der uns überlieferten Stätte, die durch schwere körperliche Arbeit, Schweißvergießen und mühsames Gebären gekennzeichnet ist.

Der Ort, zu dem Moses Cordovero und seine Gesinnungsgenossen allwöchentlich aufbrechen, ist topographisch bestimmbar, aber in Wahrheit ein mythischer, gleichsam in der Peripherie des Garten Eden gelegener Ort.
Man könnte ihn auch als inwendigen oder imaginären Raum bezeichnen, dessen Zugänge kabbalistisch verschlüsselt / kabbalistisch erschließbar erscheinen.

Eine eigentümliche, über den Gräberfeldern, die Safed umlagerten, schwebende, sich darauf niederlassende Landschaft, die dem mystischen Zirkel, dem Cordovero und seine Gefährten angehörten, durchaus real und vertraut gewesen sein muss …

Der Gedanke des Bundes ist konstitutiv.
Bei Cordovero wird das Moment des Bündnisses eingebracht in die Trennung, die den Aufbruch in die ‚Exkursionen‘ einfädelt.
Dem zugleich einmaligen und  jedesmaligen Bund mit Gott geht eine Ablösung voraus, die in radikalter Weise alles erfasst, auch die habitualisierte Beziehung zu Gott.

Trakt(at)
kommt von traktieren.
treat & treatise

Merke: ein Bund enthält Trennungen, womöglich unzählige.

Deswegen steht im biblischen Hebräisch
„einen Bund schneiden“ für „einen Bund schließen„.
Erst kommt die Sonderung, dann die Übereinkunft.
Vielmehr Eines im anderen.
Beides in beiden.

Ohne Scheidung steht es schlecht beim Empfang.

Beschneidung als Bundeszeichen im ersten Bund.
Brotbrechen als Bundes- und Erkennungszeichen im zweiten Bund des Messias Jesus …


[1] Rabbi Moses Cordovero, The Palm Tree of Deborah, ed. Louis Jacobs, N.Y.: Sepher-Hermon Press, 3.Aufl. 1981, Introduction p. 11

[2] Midrash Rabbah Genesis, ed. Freedman et al., London/New York: Soncino 1983, Vol. I, 171

[3] Jacob Levy, Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim, Berlin/Wien 1924, Bd. 3, 23, zu Mem/Gimmel/Resch/Schin

[4] Jacob Levy, Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim, Berlin/Wien 1924, Bd. 1, 366, zu Gimmel/Resch/Schin

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