Über Mythos

Mythos ist der Versuch, ein Rätsel aufzunehmen. Es geht nicht um die Auflösung dieses Rätsels, sondern darum, den daraus hervorgesponnenen Faden in ein Gewebe zu überführen.
Aber was heißt Rätsel?
Zunächst einmal: es ist nicht stumm. Es affiziert, es geht mit Gewalt, mit Nachdruck, mit Heftigkeit an. Es sagt an.
Der Mythos nimmt dieses Angesagte und Eingesagte auf und legt es in Mustern aus. In ihnen, in diesen Figuren oder Formationen des Mythos, kommt das Rätsel fortan als Umwandlung vor. Es ist in der mythischen Form oder Bildrede ausgelegt und versteckt zugleich. Das Rätsel hallt im Mythos nach. Es bleibt in gewisser Hinsicht die verklungene Stimme, aus der nun das Sagen der Sage ertönt.
Dieses Sagen ist kein bloßes Reden oder bloß Nachsprechen.
Es steht in einer Schwingung, die den Menschen, wie einen Resonanzboden, zum Tönen und Tanzen anregt. Die Psalmen, als Gesänge und Gebete, die von heftigen Bewegungen des Körpers begleitet wurden, entsprechen solch einem mythischen Sagen.
Sie sind in gelungener Inszenierung ein grandioser Wellengang.
Alles andere als ein glatter Spiegel, sondern gewölbt und gekehlt. In jähem Wechsel lassen sie Grate und Schluchten, Kämme und Jammertalsohlen aufeinander folgen. Es geht durch Klüfte und Gischt.

Andrerseits hat der Mythos auch Gedanken- und Gedächtnisform.
Seine Wirkungen gehen eigentlich noch stärker auf den Intellekt, oder besser auf Intelligenz als Beziehungsmodus. Selbst ein distanzierter Mythenforscher kann sich eines tiefen Eindrucks, den die monumentale Struktur und immanente, gleichsam polylogische Konsistenz auf ihn macht, nicht entziehen. Wie die menschliche Sprache, so erscheint auch der Mythos weder eigentlich gemacht noch einfach geworden, sondern merkwürdig ausgedacht. Aber die Menschen sind nicht das Subjekt dieses Ausdenkens, sondern das Medium, in dem der Mythos zur Welt kommt.

In der biblischen Schöpfungsgeschichte schimmert die menschliche Nacktheit als das Rätsel und „Vorwurf“ ( = „Problem“) durch, welches der Umhüllung und mythischen Einkleidung am allerstärksten bedarf. Die hebräische Vokabel „arum“ in ihrer doppelten Bedeutung von „nackt“ und „klug“ verweist auf die zwiefache Herkunft des Mythos aus der menschlichen Blöße und jenem Bloß- oder Ledigsein, das durch das Intelligenzwesen Schlange veranschaulicht wird.

Es wird immer wieder auf die antimythischen Tendenzen der hebräischen Bibel aufmerksam gemacht, aber aufs Ganze gesehen ist die Tora selbst eine spannungsreiche Einheit oder Fügung aus entmythologisierenden Tendenzen und durchaus mythischen Elementen, die allerdings alle auf einen offenen Ursprung bezogen sind.
Sie lassen sich nur unter Gewaltanwendung als Uranfangs-Zeichen deklarieren und befinden sich im Wechselspiel zu dem, was aus ihnen folgt und erfolgt.

Insofern jeder Mythos auch ein genealogisches System ist, lassen sich weite Partien in der Tora, vor allem die sogenannten „toledoth“, das sind Stammbäume oder Geschlechterlisten, als Mythologeme verstehen, als Konstrukte, in denen der meist männliche Namen als Gliederungsprinzip und zugleich als Gedächtnismal eingetragen wird.

Aber wenn man auch die Tora nicht als Mythos im gewöhnlichen Sinne anerkennt, bleibt doch ihre – dem Mythos vergleichbare – Funktion, nämlich zugleich zu verbergen und zu offenbaren.
„Wie das Wasser die Blöße des Meeres bedeckt“, heißt es in einem Midrasch, „ebenso bedeckt die Tora die Blöße Israels“ (J.Levy, Wb.üb.d.Talmudim und Midraschim, Bd.3, 697).

Es geht um die Stiftung von Gedächtnis, das wie die Verstrebungen in Stollen und Schacht die Zugänge zum Gewesenen, zur individuellen und kollektiven Hinterlassenschaft sichern und wahren soll. Im Unterschied zum gewöhnlichen Erinnern, bei dem das Gedächtnis um des Erinnerns willen da ist, erfüllt jenes Gedächtnis, das uns in der Gestalt der Tora vorliegt, seinen Sinn darin, einzutreten für und in das, was sich so leicht vergisst, was unter der Hand in Vergessenheit gerät und ans Ungeschehene gleichsam abgetreten wird.

Mit dem Rätsel Nacktheit verkoppelt und untrennbar verbunden ist das Begehren. Es wird aus der Nacktheit im Mythos manifest, bleibt aber – als tabuiertes – in ihr zurückgehalten oder auf sie – die Nacktheit – zurückgebracht. So wird die „Blöße“ zum
Ort und zur Repräsentanz eigenen und fremden sexuellen Begehrens. Sie bezeichnet auch im Hebräischen bei beiden Geschlechtern die Sexualorgane. Deren ambivalente Besetzung ergibt sich dadurch, dass das lustvolle Zusammenbringen dieser Organe gesellschaftlich reglementiert wird. Es wird in bestimmten Fällen gestattet und um der Fortpflanzung Willen sogar gefordert, in anderen Fällen jedoch strikt verboten und in einem weiteren Schritt tabuiert. Das verhängte Tabu bewirkt, dass das Begehren gleichsam in die Nacktheit zurückgedrängt wird. Dadurch wird diese selbst mit Scham belegt. Im Zuge der Zurückweisung erhält das Begehren eine aggressive Tönung, die es vor dieser ‚Intervention’ nicht hatte. Scham wird zum Makel, der fortan anhängt, gebunden ist an das sexuelle Begehren und mit diesem aufflammt. Das gilt besonders dann, wenn das Subjekt im Verlangen nach Befriedigung sich am Rande oder außerhalb der verordneten Bahnen bewegt. Nicht Natur, sondern gesellschaftliche Norm dekretiert, was „natürlich“ und was „widernatürlich“ sei, gerade im Sexualverhalten.
Man kann erkennen, dass gerade auch der Mythos auf Kanalisation und Umverteilung, auf Vergesellschaftung nicht nur der generativen, sondern auch der daraus abbiegenden, in die Nacktheit zurückgebeugten Begehrensstrebungen angelegt ist.
Das Inzesttabu ist die erste Beschränkung, der das genitale Begehren unterworfen wird. Daraus erklärt sich, warum das Aramäische unter dem Wort für „Blöße“ zum Beispiel auch alle, „zum ehelichen Umgang verbotenen Frauen“ (J. Levy, Wb.üb.d.Talmudim und Midraschim, Bd.3, 697) fasst.
Damit sind für den Mann in erster Linie weibliche Geschlechtsangehörige tabu, mit denen eine direkte Blutsverwandtschaft besteht, wie zwischen Sohn und Mutter, Bruder und Schwester.

Aus demselben Wortstamm wie „Blöße“ leitet sich das aramäische Verb für „zusammenbringen, zusammenmischen“ ab. Es hat die Grundbedeutung „anschließen“ (Levy, Wb., Bd.3, 698) und bezeichnet insbesondere den Vorgang der Kopulation, in dem die Genitalorgane „zusammengeschlossen“ werden. Aus diesem „Zusammenschluss“ der „Blößen“ resultiert dann eine „(ungute) Vermischung“ der „Blutsarten“ (Levy, ebenda).
In jeder konventionellen Gesellschaft gibt es strenge Vorschriften darüber, welche Blutmischungen erlaubt und welche untersagt sind. Diese Regelungen definieren (und potenzieren) die generative und genealogische Bedeutung des Blutes und führen in dieser numinosen Substanz eine Unterteilung nach Arten ein, wobei zugleich deren Mischbarkeit oder Unvermischbarkeit rigoros festgelegt wird. Blut ist nicht mehr nur Substrat des menschlichen und höheren animalischen Lebens, sondern gilt als Basis kulturspezifischer Ausformungen. Obwohl zum Beispiel Rinder und Menschen – als Säugetiere, wie wir sagen würden – gleichen Geblüts sind, wird Sodomie in der jüdischen Kultur (auf die wir uns hier beziehen) unerbittlich geahndet. Also nicht nur der geschlechtliche Verkehr zwischen irgendwie blutsgleichen Individuen, sondern auch der zwischen blutsungleichen Kreaturen, wie zwischen Mensch und Tier, steht unter Verdikt.
Ebenso wurden die ehelichen Verbindungen zwischen Angehörigen des Volkes Israel und Angehörigen der benachbarten „heidnischen“ Völkerschaften zeitweise mit einer Unnachsichtigkeit strafrechtlich verfolgt, die auch heute noch Beklemmungen hervorrufen kann.

Diese Dinge und ihre populationsspezifischen Ausprägungen haben allerdings mit dem Mythos höchstens indirekt zu tun. Der Mythos selber, auch die Bibel, berichtet ziemlich ungeniert von Verbindungen, die unter einem späteren Blickwinkel als ungesetzlich erscheinen mussten. Sogar in der Linie, aus der einst der Messias hervorgehen soll(te) und die von Abraham über David führt, lassen sich solche „widernatürlichen“ und „unzüchtigen“, gegen Norm und Vorschrift verstoßenden Verbindungen nachzeichnen.

Die Frage, welches eigentlich die Frauen in der ersten Generation nach Adam und Eva gewesen seien, mit wem also Abel, Kain und schließlich Seth sich verheirateten, wird im biblischen Kodex offengelassen. Das hat die Auslegung zu der Annahme gezwungen, diese drei Söhne hätten jeweils ihre Zwillingsschwestern geehelicht. Also stünden am Anfang der Menschheitsentwicklung drei nicht wegzuredende Fälle von Inzest, von sogenannter „Blutschande“.

verfasst 1.10.1990

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