Wunder Punkt

I.

Zu den Dingen, die höchste Bedeutung verbinden mit realer oder zumindest physischer Nichtexistenz gehört der Punkt.

Als gleichsam ausdehnungslose Fläche existiert er so wenig, wie als unendlich kurzes Stück einer Strecke, einer Linie. Ein Punkt ist spekulative Annahme, ebenso die Vorstellung, irgend etwas, eine Fläche, eine Linie oder ein Körper sei aus Punkten zusammengesetzt oder ließe sich in Punkte zergliedern.

Die Rede von Schwerpunkten, von Brennpunkten eines Geschehens, ist  reine Bildrede, eine Vorstellung, die jedes festen Anhaltspunktes entbehrt.

In unserer digitalen Welt könnten wir notfalls auf die Vorstellung von Atomen verzichten, aber nicht auf die von Punkten. Sie sind im materiellen Weltbild genauso unverzichtbar wie im geistig vorgestellten Universum.

Dinge von der Art des Punktes, die es also gibt und zugleich nicht gibt, nennt man Zeichen.

Der Punkt ist das Zeichen schlechthin. Gäbe es ihn nur einzeln, er wäre wie ein Krümel und ein kleines Kind könnte ihn vom Tisch blasen. Aber es ist anders: ein Punkt schließt unsäglich dicht an den anderen an. Sie stützen einander von allen Seiten, von unten und von oben. Es ist wie eine Verschwörung, eine materielle Konspiration.

Ähnliches ist im ganzen Universum nicht mehr zu finden. Ein vielleicht vergleichbares Modell liefert höchstens das Meer, bzw. das Wasser. Dort entsprechen den Punkten die Tropfen. Sie scheinen ähnlich angesammelt und allgegenwärtig, in Wirklichkeit aber ununterscheidbar ineinander aufgelöst. So ergeben sie die grenzenlose Masse der Wasser, die in flüssiger bis gasförmiger Konsistenz alles bedecken, durchziehen, umgeben.

Im mystischen Buch „Sohar“ taucht der Ausdruck nekudah auf. Es ist eine Art Keimzelle, eben Keimpunkt der Schöpfung. Seine Wirklichkeit und Wirksamkeit ist absolut zeichenhafter oder symbolischer Natur. Schließlich wird auch das Gesamt der punktierten, d.h. vokalisierten Konsonanten im hebräischen Text der Bibel mit diesem einen Wort nekudah bezeichnet.

II.

Ja, zu den erheblichen Wundern, an denen die Welt übrigens arm und reich zugleich ist, gehört zweifellos der Punkt, von dem gerade die Rede war. Er vereinigt die wesentlichen Bestimmungen des Wunders auf sich, dass es ihn nämlich gibt und nicht gibt. Er hat keine messbare, stoffliche oder ausdehnungsmäßig bestimmbare Existenz und verfügt dennoch über eine gewichtige Realität.

Dem Punkt verwandt und gleichsam seine Basis, vielleicht eine der Grundlagen alles Wunderbaren überhaupt, ist das Nichts.

Die poetische und bildhafte Sprache hat für dieses Nichts unterschiedliche Bezeichnungen.

Im Unterschied zu den Ausdrücken nichts, nothing, nada usw., die rein n e g a t o r i s c h e Aussagen machen, versuchen Bildrede und Poesie eine Anschauung, nein, ein Gefühl von diesen Wundern zu liefern. Das ist schwierig, da sie sich jeder positiven Bestimmung entziehen, allen Bezeichnungen entwinden, die sie auf eine Ebene stellen wollen mit Dingen, Erscheinungen oder Gegebenheiten, die eindeutig an der existenten Seite der Welt partizipieren.

Zu den berühmtesten Wunderdingen oder Undingen dieser Art gehört das Senfkorn. Es ist die gleichsam organische Ausführung oder Explikation des Punktes, so, wie der Punkt seinerseits die ideale oder begriffliche Explikation oder Umsetzung des Nichts darstellt.

Zum Senfkorn: durch jesuanische Gleichnisrede hat das Senfkorn sprichwörtliche Bedeutung erlangt. Wir stellen es uns vor als winzig, ja unermesslich klein an Umfang und Gestalt, dabei scharf und brennend, fast wie Feuer. Seine Kleinheit steht in einem ungeheueren Kontrast zu dem Baum, der sich daraus entwickelt, dessen Krone den Himmelsraum ausfüllt und den geflügelten Wesen zwischen Himmel und Erde Lebensraum bietet.

Das Senfkorn steht in den Lehrreden Jesu einmal im Bezug zum Glauben, ein andermal in Bezug zum Gottesreich, bzw. Reich der Himmel. Diese letztere Analogie soll hier kurz in Betracht genommen werden.

Das Griechisch der Evangelien hat für Senfkorn den Ausdruck kónkos. Ein Wort, von dem man nicht weiß, wo es her kommt. Dasselbe gilt für das gleichklingende und gleichsinnige kínkos. Beides scheinen Fremdworte zu sein, die irgendwie in die griechische Sprache eingedrungen sind. Sie entsprechen unseren Bezeichnungen Kern und Korn

Im Konkreten meinen diese Ausdrücke winzigkleine, quasi minimale Entitäten oder Potenzialitäten, die rein nichts darstellen, aus denen aber Unerhörtes und Unvermutetes hervorgehen kann. Im üblichen Sprachgebrauch, aber nicht mehr auf der konkreten, sondern auf der übertragenen Ebene ist kínkos =  ein Nichts.[1] Ähnliches gilt für das verwandte lateinische ciccum.[2]

Eine Sondergestalt nimmt das phantastisch hervortretende Nichts in jenem Punkt an, von dem in der Versuchungsgeschichte bei Lukas die Rede ist: „Und als er (der diábolos, d.h. der Durcheinanderbringer) ihn (Jesus) hinaufgeführt hatte, zeigte er  ihm alle Reiche der Erde in
einem Punkt der Zeit …“[3]
Das hier verwendete stigmé ist im umgangssprachlichen Altgriechisch, zum Beispiel bei dem berühmten Redner Demosthenes, die Bezeichnung von – oder für – etwas ganz Geringfügiges.[4]

Was ist von diesen Befunden zu halten?

Punkte, (Frucht)Körner, (Samen)Kerne sind ferne, gleichsam entfernte Teile, Bestandteile der Welt, die wir kennen. Sie befinden sich ausgesprochen peripher. Sie stehen in einer Grauzone, in einem vagen Kontakt zu einer Gegenwelt, die sich in diesen wunderlichen Phänomenen, in diesen Un-Dingen lediglich andeutet. Das Nichts klopft in diesen nichtigen Erscheinungen an. Es macht sich darin leise und weitgehend unmerklich bemerkbar.

Vielleicht kann man so weit gehen, auch den Tod unter die Wunder zu rechnen, in denen sich das Nichts zeigt. Der Augenblick des Todes läge dann auf einer Linie mit Punkt, Senfkorn und – Phantasie. Denn auch diese ist in Wahrheit ein Nichts, das allerdings durch ein ungeheuer erfinderisches Erträumen und Erwirken hervorsticht.

Ein Punkt bildet auch den Kern des Geheimnisses, das Paulus im Brief an die Korinther mitteilt: „Siehe, ein Mysterium sage ich euch: nicht alle werden wir entschlafen, alle aber werden wir verwandelt werden in einem Nu …“[5]

Ein Nu – weiß jemand, wie gering, wie geringfügig oder ausladend ein Nu in Wirklichkeit ist?

In den englischen Übersetzungen findet man anstelle des Nu ein blitzartiges flash:
im Nu, in a flash wird alles verwandelt, aus Etwas und Nichts.


[1] J.B. Hofmann, Etymologisches Wörterbuch des Griechischen, München 1966, s.v. kinkos

[2] Walde-Hofmann, Lat.einisches etymologisches Lexikon. s.v. ciccum

[3] Lukas 4,5

[4] Walter Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments, s.v. stigmé

[5] 1. Korinther 15,51

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