Notizen zu ‚Kunst in einer psychoanalytisch orientierten Kunsttherapie‘

Spielen, Träumen, Phantasieren

Spiel als Ausagieren von Phantasien.

Freud meint, beim Kind spiele immer die Wunschphantasie mit, erwachsen, d.h. groß, mächtig zu sein. Mit dem Älterwerden erlöschen und ernüchtern sich diese dem Erwachsenenstatus zugeschriebenen Wunschphantasien. Mit der Pubertät setzen sexuelle Phantasien ein, der Wunsch, schön und begehrt zu sein, Akzeptanz in der Welt der Erwachsenen zu finden, wird vorrangig.

Damit wird auch das kindliche Spielen und Phantasieren zurückgewiesen und verpönt.

Die Unbefangenheit, die das kindliche Spielen und Phantasieren zur Grundlage hat, geht verloren und damit auch die Fähigkeit zu dieser Weise des Spielens.

Spielen, Phantasieren und Träumen sind vorrangig unbewusst gelenkte und geleitete Vorgänge, die sich auf unterschiedlichen Ebenen abspielen, durch unterschiedliche Grade von Bewusstheit gekennzeichnet.

Unbewusst geleitet, bewusst begleitet.

Spielen ist tätiges Phantasieren.

Es gibt eine erste Erfahrung der Selbstwirksamkeit, der in der Kunsttherapie ein großes Gewicht zukommt: die Erfahrung, ich richte etwas an, ich richte etwas aus.

Sie geht einher mit einem mitunter neuen Selbstgefühl. Der Wunsch, etwas zustande zu bringen, schwingt bereits im kindlichen Spielen mit – früher aus Holzklötzchen, in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem Legobausteine, heute wieder unterschiedliche Elemente aus Holz.

Eine merkwürdige Zwischenstufe stellt das Tagträumen dar.

Der im kindlichen Spiel sich ausdrückende Wunsch, groß und eben ‚erwachsen‘ zu sein, enthält eine mimetische Tendenz: es ahmt nach.

Dasselbe Bestreben wird seit jeher der Kunst zugeschrieben, eine Fähigkeit und Qualität, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich eingeschätzt worden ist.

Das gelingende Nachahmen verschafft Lust.

Die mimetischen Tendenz im bildnerischen Gestalten passt sich mit dem Erwachsenwerden mehr und mehr der jeweils herrschenden Konvention des Sehens und Darstellens an. Der Blick verengt sich.

Ein Kind kann im Prinzip mit allem Spielen.

Das gestaltende Spiel in der bildenden Kunst hat sich teils notwendige Beschränkungen auferlegt, teils zwanghaften Einschränkungen und Regeln unterworfen.

Dabei sind in der klassischen Malerei über Jahrhunderte hin etwa Farbe und Form bestimmende Kriterien gewesen. Der materielle Aspekt, der mit Leiblichkeit zu tun hat, ist dabei in den Hintergrund getreten oder der plastizierenden Kunst  überlassen worden.

Da kindliche Kritzeln ist durchaus mimetisch.

Mit dem Erwachsenwerden verliert sich, wie gesagt, die Freiheit dieses Spielens.

Es findet eine Anpassung und Einpassung statt in die jeweils herrschenden konventionellen Sehgewohnheiten und Darstellungsregeln.

Das hat nicht nur mit Verengung und Vereinseitigung im Sehen und Auffassen zu tun, sondern mit gewissen kulturellen Regulierungen und Disziplinierungen, die in einer arbeitsteiligen, auf Zwecke ausgerichteten Gesellschaft  ebenso unvermeidlich wie notwendig einsetzen.

Restriktive Momente, die von Erziehungsstilen weitgehend unabhängig sind.

Aus der kindlichen Nachahmungslust wird bloße Adaption bereits gegebener Muster

Überdies sind Farben und Formen eben nicht das einzige Ausdrucksmittel von Phantasie.

Gleichrangig ist die Stofflichkeit des verwendeten Materials.

Aus dem Collagieren, der Assemblage usw. lernen wir, man kann auch mit Knöpfen, Klebstreifen, Joghurtbechern und Plastiktüten malen.

Zu der mimetischen Lust tritt noch eine andere, ebenso wichtige hinzu: die Lust am Erfinden.

Erfinderisch zu sein ist ein menschliches Gattungsvermögen, eines, das die Menschen allen anderen Geschöpfen voraus haben. Es kommt nicht bloß in der Not zum Zuge, von der es heißt, sie mache erfinderisch – es sei denn, man nimmt für die Menschheit eine Grundnot an, wie das der Anthropologe Gehlen mit der These macht, der Mensch sei ein Mängelwesen. Eine elementare  Bedürftigkeit, die sich in jeder individuellen Menschwerdung wiederholt und ausdrückt in der langjährigen Abhängigkeit des Menschenwesens, als Kleinkind nicht nur von Ernährung und Versorgung, sondern auch von Fürsorge, Pflege, Zuwendung. Und das bis zum Erwachsensein.

In diesem Zusammenhang begegnet man einer anderen These, nämlich der von der Frühgeburt, von der verfrühten Geburt eines jeden Menschenkindes, was diesen langen Vorlauf, diese lange Latenzzeit notwendig mache.

Die Kunst scheint lange ohne einen Erfindungsgeist ausgekommen zu sein. Er ist in ihr erst mit Beginn der Neuzeit erwacht und es war Leonardo da Vinci, der ihn nachdrücklich vertreten und propagiert hat. Unter der Bezeichnung invenzione hat er sich in der Malerei seitdem etabliert.

Erfindungen haben mit Problemlösung zu tun. Es befreit, wenn man einen Knoten aufgeschnürt, ein Hindernis beseitigt, einen Zugang gewonnen hat in Richtung auf eine Wunschvorstellung, auf ein Ziel hin. Man kann sagen, dass mit dem Erfinden Erfahrungen von Befreiung einhergehen. Dabei ist auch hier wieder die Phantasie massiv beteiligt. Es sind wieder einmal die unbewusste Beteiligung, die zu Schlüssel und Lösung reicht und entscheidend vorbereitet.

Intuitionen und Eingebungen sind wesentlich unbewusste Leistungen.

Nicht angestrengte Haltung, sondern  spielerische Einstellung macht im Leben wie in der Kunst die entscheidenden Funde möglich.

Picasso sagte einmal: „ich suche nicht, ich finde“.

weiter zu erfinden:

Erfinden hat tatsächlich mit finden zu tun, im Sinne von auffinden und ausfindig machen.

Findige und erfinderische Menschen.

Was man findet, ist meistens schon da, ungesehen oder bis dahin unsichtbar.

Selbst für Erfindungen gilt, dass sie nicht aus dem Nichts herausgezaubert werden.

Sie liegen bereits vor.

Doch gibt der Ausdruck erfinden zu verstehen, dass die (unbewusste) Phantasie hilfreich ist beim Aufspüren.

Als Kind üben wir ein, zu verstecken / zu suchen.

Die Psychoanalyse meint, dieses Versteckspiel werde eingeübt durch den Umstand, dass die Mutter da und abwesend ist, abwesend und dann wieder da.

Dementsprechend versteckt sich auch das Kind und fordert auf, gesucht und gefunden zu werden.

Es ist betrübt, wenn es nicht gesucht und nicht gefunden wird.

Verstecke sind für ein Kind leicht zu finden.

Erwachsene haben Mühe, ein Versteck zu finden, in dem sie sich gut versteckt fühlen.

Manchmal geht dem Finden ein Verlieren voraus.

Eine Person begibt sich auf die Suche nach etwas, was ihr abhanden gekommen ist.

Das Älterwerden und Erwachsensein ist ein Zuwachs an Größe, Körperkraft, Autorität.

Es beinhaltet aber auch Verluste, Abstriche an Freiheiten, die dem Kind zugestanden werden,

etwa die Freiheit zum Trödeln und Tagträumen: „trödel doch nicht so!“, „du hast wohl wieder mal geträumt, als ich dir das und das sagte!“

Freud meint, dass in den Wünschen der Erwachsenen kindliche Lusterfahrungen sich niedergeschlagen haben. Es geht um Zurückerlangung solcher Erlebnisse von Sättigung, Stillung, elterliche Zuwendung, Lust, die mit der Befriedigung der primären Bedürfnisse (und Bedürftigkeiten) sich einstellten, in der zurückphantasierenden Erinnerung wie von selbst.

Allerdings sind diese frühen Erfahrungen, eben weil sie in der Frühe des Bewusstseins zurückliegen, oft, vielleicht sogar meistens nicht erinnerbar. So tasten sich Denken, Fühlen und Spüren an diese Punkte heran. Unsere Träume und Phantasien umkreisen diese Wonneorte, wie das kollektive Gedächtnis den Wonnegarten, den Garten Eden umkreist und zumindest den Zugang herausfinden möchte, um sich an der Pforte zu schaffen zu machen.

Eine ähnlich wechselbezügliche Dynamik wie die des Findens und Versteckens liegt vor im Zeigen und Verbergen.

Wir wissen als Künstlerinnen und als therapeutisch Erfahrene, dass in jedem Bild, das gemacht wird oder entsteht, der Wunsch, zeigen und offenbar machen zu wollen einhergeht (und konfligiert) mit dem Wunsch, zu verdecken, doch lieber verschlossen zu halten.

Wir kommen überhaupt nicht umhin, uns mit der Dynamik dieses Doppelmechanismus auseinanderzusetzen, als künstlerisch arbeitende Menschen und erst recht als Therapeutinnen.

Vielleicht erfinden wir nur, weil etwas sich verbirgt oder verborgen ist.

Öffnen und schließen, eröffnen – erschließen verweisen auf dazu parallele Vorgänge.

Im Laufe der Entwicklung der Neuzeit, also seit Leonardo, spielt in den Wissenschaften und in der Kunst das Experiment eine bedeutsame und folgenreiche Rolle.

Es wird experimentiert, um etwas herauszufinden.

Bacon spricht vom Naturexperiment als einem ‚experimentum crucis‘. Die Natur wird gleichsam ans Kreuz geheftet.

Die Kunst und die Künstler haben da prinzipiell einen anderen Weg eingeschlagen, sich für ein anderes Naturverhältnis entschieden und für einen achtsameren Umgang mit Geschöpflichkeit, Leiblichkeit, Stofflichkeit.

Es geht nicht darum, sich der Natur zu bemächtigen, sondern sich auf sie einzulassen, in eine Art Konversation oder Dialog. Das Kunstwerk gibt den Schauplatz ab für eine sowohl natürliche als auch humane Auseinandersetzung. Empathie, Einfühlung sind wichtiger als das Erzwingen von Aussagen durch eine Art methodischen Folterns.

Kunst und Therapie machen erfahrbar, dass nicht nur Sinn, der irgendwann verloren gegangen ist, zurückerhalten werden kann. Sie zeigen, jedenfalls in wiederkehrender Eigenerfahrung, dass solch ein Wiederfinden die gesamte Persönlichkeit betreffen kann.

Wir haben die Fähigkeit, Möglichkeit und sogar Eignung, kraft der Phantasie und aus dem Unbewussten uns selbst nicht nur wieder zu finden, sondern in erwünschter Gestalt zu erfinden, jedenfalls zu verändern und mit sich selbst und der Umwelt, unseren Vorhaben und Zielen abzustimmen.

Freud hat festgestellt, dass sogar die je persönliche Vergangenheit nicht starr und auf Daten und Fakten fixiert ist, sondern korrigibel und veränderbar ist. Jede von uns hat die Möglichkeit, ihre Vergangenheit umzuschreiben (Freud), selbstverständlich nicht durch bloßen Vorsatz, sondern es ist ein unwillkürliches Geschehen, eine unbewusste Aktion, die sich im Laufe eines Lebens durchsetzen kann, eine Chance, die im Zusammengehen von Kunst und Therapie zumindest begünstigt wird.

Zum Spielen gehört das Spielenlassen: sonst haben die Zufälle, Eingebungen und Intuitionen keine Chance.

Oder anders: zum Spielen gehört auch das Mitspielen, mit den Zufällen spielen, mitspielen in dem, was gerade vorgeht.

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