Philosophie

„Die Philosophie, soweit sie Geist und Wahrheit werden will, befreit sich immer wieder vom Buchstaben, von Konformität und Konformismus, und bringt das Seinsmassiv zum Bersten und Zersplittern in eine Sinnvielfalt, in der dann das Denken sich umtreiben kann“, charakterisiert Lévinas die philosophische Haltung von Jeanne Delhomme. Ihr möchte man gerne zustimmen, findet sich doch in diesem Bild das wunderbare rabbinische Diktum: Exegese der Torah – das ist wie ein Schlag mit dem Hammer auf einen Felsen, der unter der Wucht des Schlages in tausend Splitter zerspringt – und jeder Splitter ist ganze Torah!
„Philosophie ist Freiheit“, schreibt Lévinas weiter, im Blick auf Jeanne Delhomme, „also das Gegenteil von Leben, Moral, Wissenschaft, Kunst, Geschichte. Stolze, aber auch untröstliche Freiheit, denn sie muss alles in Frage stellen“.
„Philosophie ist Freiheit“ – das klingt vielversprechend, doch eben daher nicht ganz überzeugend. Bescheidener wäre besser – zum Beispiel: Philosophie unternimmt Befreiung, setzt beständig und inständig zu Befreiung an – oder so ähnlich.

Einen Künstler stört ferner die Subsumption von Kunst unter die unfreien Disziplinen. Das erinnert an die längst überwundene Unterscheidung von ‚dienenden‘ und ‚freien‘ Künsten. Zu Recht behauptet die Kunst von sich selbst, schon seit mindestens einem halben Jahrtausend einer knechtischen Rolle entronnen zu sein und keiner Philosophie an Souveränität nachzustehen.
Umso befremdlicher ein hier in philosophischer Gewandung auftretender Konkurrenzgedanke, von dem wir annehmen wollen, dass Lévinas einen Gedanken von Jeanne Delhomme aufnimmt, ohne sich dem wirklich anzuschließen.

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