klettern im Baum

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Von Athanasius Kircher, einem gelehrten Jesuiten des 16. Jahrhunderts,
gibt es eine detaillierte Darstellung des kabbalistischen Systems
der so genannten Sephirot.

Die Illustration ist schematisch gehalten, gewissermaßen tabellarisch.

Sie zeigt die zehn elementaren Instanzen in ihrem Aufbau und wie
sie miteinander über „Kanäle“ verbunden sind.

Angefügt sind lateinische und hebräische Benennungen und
Kennzeichnungen, deren Verständnis, wie bei einem Bilderrätsel
oder Rebus, nicht nur eine gewisse Kenntnis der Sache voraussetzt,
sondern auch Phantasie, Intuition und Entzifferungsvermögen verlangt.

Das gilt auch für die acht oder neun piktographischen Elemente, die in die leeren Räume zwischen den Sephirot und den sie verbindenden Kanälen eingebracht sind.

Die untersten lassen sich als Altäre lesen, darüber ein Tisch mit zwei Aufbauten, die an Rechenbretter oder Abakus erinnern, wie sie bei den alten Rechenkünstlern seit Pythagoras in Gebrauch waren.

Auf der rechten Seite in der Tabelle eine Menora, ein siebenflammiger Leuchter.

In den Feldern darüber, gleichsam in Brusthöhe des Gesamtgebildes, erscheinen die beiden mosaischen Tafeln.

Sie nehmen den Blick bei jeder Betrachtung als erstes gefangen.

Das mag zu tun haben mit ihrer zentralen Position, vielleicht aber noch mehr damit,
dass sie eigentlich erst einmal wie Bienenkörbe aussehen.

Auch dann, wenn ihre Tafelgestalt einmal festgestellt und gesichert scheint,
verwandeln sie sich immer wieder in geflochtene Behältnisse voller
schwärmender, summender und tanzender Bienen und -völker zurück.

In den beiden Giebelfelder darüber tauchen Cherubsköpfe auf.

Sie winken mit ihren zu hoch angesetzten Schwingen wie mit zu kurz geratenen Ärmchen.

Es scheint, als seien alle sechs bestellt
zur Bewachung der obersten Sphäre gleich nebenan.
Diese Sephira heißt Kether (= Krone).

Sie bildet den Wipfel – man könnte auch sagen: die Wurzel – des gesamten Systems, das in seiner Struktur häufig mit einem Baum verglichen wird.

Kether ist als erste hervorgegangen, die erste „Emanation“ überhaupt.

Alsdann wird der Blick des Betrachters magisch angezogen von einer Art gläserner
Welt-Kugel, die bis zur Hälfte schwarz mit Flüssigkeit gefüllt zu sein scheint.
Gefäß.
Es steht zwischen den Worten HORIZON und AETERNITATIS.

Der Pegel oder Spiegel der dunklen Substanz
darin bildet eine Art Gedanken- oder Bindestrich.

Die Figur bringt auch die schematische Zeichnung
eines Mondes ins Bewusstsein, dessen obere Seite
beschienen ist, während die untere gewissermaßen im Erdschatten liegt.

HORIZON AETERNITATIS ist der Versuch einer Wiedergabe der ganz oben erscheinenden hebräischen Schriftzeichen. Sie geben im Grunde Titel und Thema der gesamten Darstellung.

Sie lauten gesprochen En Sof.

 

Die Auslegung beider Worte und dessen, was damit gemeint sein könnte,
füllt Bände und elektronische Speicherarchive.

Häufig ist En Soph mit NICHTS gleichgesetzt,
einem Nichts, dem jedoch die Potenz zugetraut wird, aus sich selbst,
also wirklich aus Nichts
in die Fülle des existierenden Universums umzuschlagen.

Jedenfalls verweist HORIZON AETERNITATIS
exemplarisch auf Paradoxe und Dilemmata, in die man gerät,
sobald einer fragt, was war
vor dem URSPRUNG? 
woraus entspringt das (oder der oder die)  ü b e r h a u p t ?

 

Dann klettere man selber im Baum.
Das befreit und eröffnet

Ausblicke und in den Kanälen

geht immer was los. 

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