Loch Ness

07.09.07

auf 8 Uhr zu:

Tagesfrage:

„Aus der Sorge, nur ein Strohfeuer zu sein, den Gedanken einer fortwährenden und umfassenden Ewigkeit erschwindeln – oder sollte es erschwingen heißen?“

 

Nein, lieber eine wahre Begebenheit erzählen:

in der Zeitung stand Loch Ness, das sagenhafte Ungeheuer, das den See bekannter gemacht hat als jeden anderen See auf der Welt. Man las: die Anwohner der Seeufer haben mit einer großen britischen Versicherung einen Vertrag abgeschlossen: im Falle eines gesicherten und bewiesenen Auftauchens des Ungeheuers erfolgt eine hohe geldliche Entschädigung. Es soll um Millionen im zweistelligen Euro-Bereich gehen.

 

Erster Gedanke: warum Entschädigung? Es könnten doch alle froh sein, eine uralte und von der übrigen Welt verleugnete oder sogar verspottete Überlieferung auf einmal bewahrheitet zu erleben. Der See würde von der Unesco zum Reservat erster Ordnung, zu einer Art Jurassic Park erklärt, ein Urwelterbe ersten Ranges. Die Anwohner müssten allerdings infolge dieser Maßnahme, wenigstens zum Teil, umgesiedelt werden. Dass Häuser und ganze Ortschaften geräumt und aufgegeben werden müssen, hat man ja bereits an Seen geübt, die zum Zweck der Stromgewinnung aufgestaut werden mussten. Im Gegenzug wird der anströmende Bildungs- und Sensationstourismus alle Anwohner reich und ansehnlich machen.

Wenn das Ungeheuer den kleinen See bekannt gemacht hat, vielleicht ohne je wirklich existiert zu haben, wie groß wird dann erst der Ruhm sein, den es durch sein Erscheinen über die Region hinaus ausbreitet!

Wozu also Entschädigung?

Nun, tatsächliche Beschädigungen könnten eintreten oder eingetreten sein durch die, beim Auftauchen des Ungeheuers verdrängten Wassermassen, die auf die Ufer schwappen und Kohlbeete, Wohnzimmer, Lokale und örtliche Büroräume in verheerendem Umfang überschwemmen würden. Vorübergehender Katastrophen- und Ausnahmezustand.

Weitere Schäden durch Nessie selbst. Weiß man etwa, ob das Monster wirklich nur Seegras frisst? Könnte nicht sein, dass es ein riesig gewordener Hunger nach Fleisch ist, der aus der Tiefe hervorgetrieben hat und dazu bringt, gefleckte und ungefleckte Kühe von den Weiden, bald bekleidete Menschen von den Straßen zu fressen, unbekleidete aus ihren Häusern zu ziehen?

Es muss sich erst noch zeigen, ob das Ungeheuer Nessie seinen verniedlichenden Kosenamen verdient hat oder schlagartig einbüssen wird. Man erinnert sich an die Saurier: da gab es Brontos, Dinos, Tyrannos, also nicht nur harmlose Vegetarier. Es gab sie auch unter Wasser, wo man nicht genau weiß, was sie alles fraßen. Und gibt sie … könnte sie geben bis heute, wo sie als Spielzeug aus Plastik und Hartgummi in den Kinderstuben aufgetaucht sind, kinderliebe und von Kindern geliebte Saurier. Nessies wie Teddies – aber warten wir’s ab, ohne allzu pessimistisch zu sein, aber auch frei von verharmlosenden Illusionen.

 

Wenn Nessie grässlich ist und Menschen anknabbert oder sogar verschlingt, wird die Schadenssumme, die an die Gemeinde Loch Ness zu zahlen ist, vielleicht bis in den Milliardenbereich hochschnellen. Es wird schwierige Verhandlungen geben und Schadenseinschätzungen, die sich ewig hinziehen. Loch Ness, also das Ungeheuer, läuft inzwischen frei herum, ungeschützt und unangreifbar zugleich, während  Versicherungsvertreter und Bürgerräte von unentwegt und immer weiter verhandeln.

Was ist da angemessen? Was kann einem Fall, wo ganzer Familie verschlungen worden sind, schon angemessen genannt werden? Schließlich geht man vor Gericht und prozessiert endlos. Die Parteien können sich zivilrechtlich nicht einigen. Es kommt zu  Streit, zu ersten Handgreiflichkeiten, dann zu schweren gegenseitigen Ausfällen und Sabotageakten.

Das Ungeheuer, nun schon lange aus dem See gestiegen und an die neue Lebensweise gewöhnt und gut angepasst, treibt sich ungehindert in den Welten und zwischen ihnen herum. Irgendwo, überall, in Gegenden, die es vielleicht gar nicht verdient haben, so erschreckt, so besucht, so heimgesucht zu werden.

 

Das Ende der Geschichte könnte dann sein: Loch Nessie kehrt an den See zurück, betrachtet sich, eher zufällig, in dessen Spiegel. Das Umherschweifen hat auch das Spiegelbild gewaltig verändert. Erkennt sich das Ungeheuer überhaupt wieder?

Und wenn nicht, was dann?

Und wenn ja, was dann?

Vielleicht stellt es, inzwischen vom guten Menschenfleisch und der darin gespeicherten Intelligenz genährt, sehr weit und tief gehende Überlegungen an.

Fragt nach dem Spiegel, der mit silbern schimmernder Oberfläche, aber pechschwarz unterlegt aus der Tiefe darunter zurückblickt. Erkennt: ein tiefes schwarzes Loch, Nessie, ein bodenloses Schwarzes Loch, Nessie, sagt Nessie zu sich selbst, sagt das schwarze Loch zu Nessie. Dann tauchen beide ineinander und sind verschwunden. Das Land schließt sich über Loch, wie damals das Meer über Vineta, über Atlantis. Und alles, beinah alles ist wieder so, wie es heute, in diesem Augenblick ist.

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