Gleichnis

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gegen 15 Uhr

Von Kafka gibt es ein wunderbares Kurzprosastück mit dem Titel „Von den Gleichnissen“.

Geht es darin um Gleichnisse? Mit Bestimmtheit und im bloßen Rückgriff auf Erinnerung gibt es momentan keine Antwort.

Jedenfalls bewegen sich Gleichnisse mit großer Anmut. Ihr Gang ist es, der diese Anmut erzeugt oder zur Geltung bringt, ein parabolischer Gang. Es ist das gemeinsame und alle Gleichnisse verbindende Charakteristikum, dieser Gang, dieses leichtfüßige und fast schwebende Fortbewegen.

Ansonsten ist jedes Gleichnis ein Wesen, eine Welt für sich. Weiter ausholende und generelle Bestimmungen oder Klassifizierungen sind nicht durchführbar, da diese jenes eine oder jenes andere Gleichnis verfehlen würden, zu denen wir ganz persönliche und existenznotwendige Beziehungen unterhalten.

Was für eine Bewandtnis hat es damit?

Es scheint gewiss, dass jeder Mensch in Beziehung zu einem Gleichnis steht, nennen wir es einmal Lieblingsgleichnis. Damit steht, lebt, isst und trinkt jemand, ohne es wirklich zu wissen, zu kennen, zu spüren. Ähnlich wie bei den Horoskopen: da gibt es viele, die ihr Horoskop nicht einsehen, ihrer Sternstunde unbewusst, die Stunde und den Stern ihrer Geburt unbeachtet und unbeobachtet fortleben. Eine Möglichkeit – steht jedermann offen. Aber trotzdem begleitet sie das und gehört zu ihnen wie der eigene Schatten, den eine Lichtquelle manchmal hervortreten, manchmal zurücktreten lässt, ohne dabei wirklich je zu verschwinden. Er zieht sich ja vielmehr in die Person, die er begleitet, zurück und geht mit ihr weiter.

Ähnlich das Persönliche Gleichnis.

Da es sich der menschlichen Fortbewegung anpasst, büßt es mitunter ein wenig von seiner Anmut ein. Es schleift minimal über den Boden. Es verheddert sich ein Saum seiner Gewandung – bei Gleichnissen kann man nicht von Kleidern, man muss schon von Gewandungen sprechen –, bleibt in den holprigen Gedankengängen hängen, die jemand innerlich antritt, schräg zur jeweils gegebenen Lebenslage. Die Person stolpert, rutscht aus. Solche Fehltritte führen dazu, dass auch das persönliche Gleichnis, dieses stille und wunderbare Begleitwesen, das in uns die Verknüpfung von Bild und Sache gewährleistet, im Vorübergehen ausgleitet. Aber nur, um dann gleichsam von vorne sich und die in ein solches Ungeschick geratene Person aufzufangen.

Für Anmut heißt es auch Grazie. Grazie drückt sehr schön das charismatische Element aus, mit dem das persönliche Gleichnis die zugehörige Person umspielt, umspült könnte man sagen.

Nicht nur inwendig, auch auswärtig knüpft das Gleichnis zu anderen Menschen hin. Es entstehen Beziehungen und Bande, ohne die wir wie erratische Blöcke, wie Meteoriten durch den Raum irren und stürzen würden, ohne die Fähigkeit und Möglichkeit, zu einander Kontakt aufzunehmen. Die persönlichen Gleichnisse machen das möglich, indem sie uns ähneln, gleichsam ein individuelles Lebensprinzip ausdrücken, ohne aber du oder ich zu sein.

Darauf schauen sie streng, auf die Einhaltung einer gewissen Distanz zu der Person, die sie unterwegs betreuen.

Es gibt da einen Abstand, den sie niemals übertreten. Vielleicht könnten sie, aber sie würden nicht, weil sie damit aufhören würden, Gleichnis zu sein. Und nicht nur das: sie wissen genau und wissen das besser als wir, dass  im Augenblick solch einer Übertretung auch die Person aufhören würde. Sie wäre nicht mehr Geschöpf, das sich in seiner Umwelt aufmerksam und zugewandt umtut, aufnimmt, weggibt, handelt …

Man hat in den persönlichen Gleichnissen schon so etwas wie unsichtbare Hände sehen wollen, von ihrer Knüpffunktion her. Bloß ein Bild, ein schwacher Vergleich –  dahingestellt.

Andere Auffassungen sehen es auf die Füße der Gleichnisse ab, mit denen sie so grazil einher wandeln. Daher der Satz „Außerhalb des Vergleichungspunktes hinkt jedes Gleichnis.“

Und das ist es – vielleicht: der Vergleichungspunkt. Über ihn tauschen sich Person und Gleichnis aus: markiert den existenznotwendigen Abstand zwischen ihnen, hält auseinander zusammen zugleich.

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