03. September 07

03.09.07

nach 8 Uhr

Mit Traumresten kämpfen:

eine Szene im Büro der Grenzbehörde:

Der Beamte, das Handy am Ohr, den Sessel an einen komfortablen

mahagonifarbenen Schreibtisch gerückt. Ein Monstrum von Schreibtisch,

massiv aus dem Stamm eines Mammutbaums herausgesägt und gedrechselt.

Alles Massivholz, auch die Schubladen en bloc. Man kann sie an den Knöpfen erkennen.

Knöpfe, groß und blank wie Bocciakugeln, alles aus einem Stück.

 

Am Grenzübergang, an der Kontrollpforte draußen haben wir mit dem Mann verhandelt wegen eines Kalenderstapels, den wir aus der sturmgeschädigten Metropole mitgebracht haben. Jetzt telefoniert er offenbar mit dem Kaufhaus, wo man uns die Kalender überlassen hat. Dort sprach man deutsch und der Beamte, vom Typ her Inder oder Nordafrikaner, spricht zu unsrer Verblüffung ebenfalls plötzlich deutsch, fast ohne Akzent.

 

Bei den Kalendern handelt es sich um Bastelkalender vom vergangenen Jahr.

Sie haben durch das Unwetter, das über die Metropole hereingebrochen war, ein wenig gelitten, waren aber immer noch die besten Exemplare, die wir kriegen konnten, auf die wir beim Durchstreifen der zerstörten Stadtteile ganz zufällig gestoßen sind.

Kalender zum selber gestalten.

 

Die Unterhandlungen ziehen sich hin. Wir sind überzeugt, im Recht zu sein. Man wird uns bald durchlassen. Man hat uns die Kalender als Mängelware überlassen. Wir haben sie nicht geklaut oder unrechtmäßig erworben. Aber die Unterredung zieht sich und zieht sich dahin.

 

Das Unwetter hatte auch uns in der Metropole überrascht. Ein Hurrikan, von Erdbeben begleitet, hat den hypermodernen Hochbautenkomplex, in dem wir untergebracht waren, östliche Seite mit Blick über Parkanlagen zum Meer, weitgehend zum Einsturz gebracht.

Der westliche Teil, wir haben es mit eigenen Augen gesehen, ist glatt umgedrückt worden wie ein Kartenhaus.

 

Dort haben wir auch die Kalender her, längliche schwarze Kalender mit weißer Spiralbindung.

Nun warten wir auf einen günstigen Bescheid aus dem Kaufhaus und dass der Grenzbeamte uns durchwinkt.

Aber das Gespräch zieht sich und zieht sich dahin, offenbar mit immer anderen Gesprächspartnern, da der Verkäufer, der uns die Ware überlassen hat, anscheinend doch nicht mehr erreichbar ist. Vielleicht entzieht sich die Angelegenheit seiner Zuständigkeit und jetzt muss mit höheren Stellen verhandelt werden. 

Wir haben die drei oder vier Exemplare selbst aus einem total beschädigten Kalenderhaufen hervorgezogen, von ganz unten. Das ging alles mit rechten Dingen zu. Aber jetzt macht uns die Warterei allmählich doch ungeduldig und unruhig. Der Beamte redet noch immer ins Handy, ein stämmiger Mensch um die vierzig, dunkler Teint, vielleicht auch aus Pakistan oder Tunesien, jedenfalls zu dem Lande gehörig, das wir gerade verlassen wollen.

Nun steht er halb herabgebeugt zu dem braunroten Ungetüm von Schreibtisch, mit der rechten Hand aufgestützt, die linke mit dem Handy am Ohr. Und da ist immer noch sein Büro, das in seinen Abmessungen und seiner luxuriösen Ausstattung an einen Salon, an das Foyer eines Grandhotels erinnert.

Während unseres Dastehens und Wartens sehen wir auf einmal Wasser aus der Decke des Raumes hervorbrechen. Anfangs ein heller leuchtender Wasserstrahl, der dort hervorschießt, wo der prächtige Kronleuchter mit seinen funkelnden Kristallgläsern aufgehängt ist. Der Strahl schlägt dicht neben dem Holzmöbel auf den Boden.

Das sieht großartig aus, aber wir bedauern den Beamten, der unter solchen Bedingungen seinen Dienst fortsetzen muss.

Doch es wird immer noch dramatischer: armdicke krumme Wasserstrahlen und Fontänen springen jetzt nicht nur aus der Decke, sondern auch aus unzähligen unsichtbaren Spalten, Löchern und Rissen, die Sturm und Beben in Wänden und Böden hinterlassen haben.

Überall plätschert es.

Die kristallklaren Gebilde, zu denen sich das hervorbrechende Wasser ausformt, passen gut zu dem mahagonifarbenen Mammutmöbel. Sie sind wie abgestimmt zu weinroten Samtvorhängen, Läufern und Brücken, die zwischen Topfpalmen und kleinen Lorbeerbäumen verteilt, ausgelegt, aufgehängt sind.

Die immer stärker sich ergießende Wasserfülle ertränkt dann auch den Traum.

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