Margaretenkirchlein

aus der Textsammlung „In den Tiroler Bergen“*

1. Geschichte

Das Margaretenkirchlein im Salzkammergut. Sein Turm: sehr einsam in der Weite des Tales, rot, zwischen Ziegel und Fliegenpilz. Im Glockenstuhl saß früher der Landvogt. Von weither schwärmten die Brieftauben ein und die bestechlichen unter ihnen ließen gegen eine Handvoll gelber Maiskörner, mit denen der Mann sie durch die Schallöcher lockte, gern ihre geheimen Depeschen und Kassiber zurück. Heute hat sich im Glockengestühl, vom knarrenden Uhrwerk umrankt, ein Mensch aus dem Geheimdienst platziert. Er arbeitet vollautomatisch und rund um die Uhr, elektronisches Gedankenschaltwerk, füttert Daten wie Kartoffelchips ein. Die Atmosphäre und ihre Frequenzen erzittern und beben unter seinem Zugriff. Niemand und nichts kann ihn hindern. Die Sache im Turm ist Top secret. Unten eine Zwiebel, nach oben hin läuft er geschwind zu, bis er die Spitze einer Nadel erlangt hat und sich durch die Messblätter und Generalkarten bohrt, die die Kartographen im fernen Europa ahnungslos vor sich ausbreiten.

*) veröffentlicht in Gaismair Kalender 1994 von der Michael-Gaismaier-Gesellschaft Innsbruck (mit Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Sport, der Kulturabteilung der Tiroler Landesregierung und der Stadt Innsbruck), S. 65 – 68

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