das Kind in ihr

Vor einiger Zeit hat sie es irgendwo gefunden, Findelkind, irgendwo ausgesetzt in ihr. Sie sagt:
in einem Wald, in einer Steinbrockenwüste.
Aber das muss nicht der Wahrheit entsprechen, sondern gibt ihre heutige Auffassung wieder. Denn wie sollte es dort hingekommen sein?
Lange hat sie sich nicht darum kümmert. Sie strebte den ferneren Verheißungen zu, die ein Leben schon in der Frühe aufbaut. Wie hätte sie sich da, selbst noch ein Kind, diesem Findelkind zuwenden können?
Es gab Zeiten, wo sie es vergessen hatte und das Schreien in ihr nicht in Zusammenhang brachte mit dem Findelkind in ihr, das zwar gefunden, aber nicht aus dem Ausgesetztsein herausgeholt worden war. Es wollte gewindelt werden, genährt, wahrscheinlich auch gesäugt, in den Armen gehalten. Es klagte Zuwendungen ein, die seiner Bedürftigkeit entsprachen. Aber das alles widerstrebte ihr. Die Beschäftigung oder Konfrontation mit solch einer bodenlosen Hilflosigkeit hätte sie, könnte man sich vorstellen, zu sehr an ihre eigene Ohnmacht erinnert, die ihr bei den Versuchen, ihre Lebensziele durchzusetzen, immer und immer wieder den Weg vertrat. Wir sagen: sie hätte darauf kommen können, dass es der Engel des Kindes sein könnte, der ihre Fortgänge sperrte, der Schutzengel, der sich auch für die eingeborenen Waisenkinder einsetzt.
Doch der Gedanke einer Mutterschaft lag ihr so ferne wie nur irgendwas.
Es brauchte seine Zeit, bis sie sich umbesinnen konnte. Oder es bedurfte eines Anlasses, einer zugleich zufälligen wie verordneten Fügung, dass sie sich einmal bückte und plötzlich das hilflose Wesen vor ihren Füßen liegen sah. In diesem Augenblick durchschaute sie ihr lebenslanges Zögern, nahm es an die Brust, hob es auf den Schoß. Eine ebenso zärtliche wie rituelle Adoption …
Seitdem ist das Jammern verschwunden, das Tal mit den seitlichen Steinbrockenwüsten und Wäldern, in denen sie emporsteigt, ist geblieben, aber das Jammern verschwunden.

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