Assemblage

Vom Wort und von der Sache her sind Ensemble und Assemblage miteinander verwandt. In beiden Begriffen steckt die Wurzel sem-, die beispielsweise auch in sammeln, assimilieren und simpel zu finden ist. In der Terminologie der Kunst ist „Assemblage“ eine Sache für sich, eine „in die Dreidimensionalität gesteigerte Collage“. Assemblagen finden sich zum Beispiel bei Schwitters. „Vorgefundene Objekte (Objets trouvés) werden reliefartig auf einem zweidimensionalen, vertikalen Bildträger angebracht, so daß ein räumlich-plastisches Bild entsteht … Sonderformen sind die Fallenbilder D. Spoerris, das Combine Painting und die Akkumulation.“

Ensemble und Assemblage als vorgängige Erscheinungsformen des Stillebens verweisen noch auf eine weitere, aus dem Stamm sem- abzweigende Bedeutung. Sie zeigt sich in simulieren.
Was ist das?
Umgangssprachlich versteht man darunter vortäuschen, so tun, als ob. Ein Simulant täuscht eine Krankheit vor. Den Vorwurf, Kunst täusche im Prinzip nur vor, haben schon die antiken kunstkritischen Philosophen erhoben. Sie gäbe keine Wirklichkeit, sondern bilde diese bloß ab. Kunst verlege sich auf die Herstellung von Scheingebilden , ohne eigenen Saft und eigene Kraft. Sie ziehe alles aus der Wirklichkeit heraus und bilde diese nach, imitiere die Natur und Menschenwelt. Auf den Gedanken, dass Kunst nicht simuliere, sondern mit Wirklichkeit simultan sei und ein autonomes Dasein, eine eigene Wirklichkeit habe, gehört der Neuzeit an und kam erst mit der Renaissance auf.

Das zweidimensionale Tafelbild, dessen sich auch die Stilllebenmalerei bedient, täuscht in der Fläche Räumlichkeit vor. Der Raum des Stilllebens ist ein vorgetäuschter, ein Scheinraum oder virtueller Raum, wie man heute sagt. Doch es gibt Assemblagen, die durchaus den Eindruck von Stillleben machen.
Doch eine Assemblage ist kein Stillleben, ein Stillleben keine Assemblage.
Hier stoßen wir auf eine primär klassifikatorisch vorgenommene Unterscheidung. Sie dient einer Systematisierung und kunsthistorischen Einordnung, die in der künstlerischen Wirklichkeit oft willkürlich erscheint und im Einzelfall unzutreffend oder ungerechtfertigt sein kann.
Wenn man sich die Artefakte anschaut, die etwa von Armand oder Dieter Roth im Sprengel Museum zu sehen sind, so lassen sich diese ohne große Mühe als plastische Stillleben auffassen. Das, was dort zertrümmert arrangiert ist oder vor sich hinschimmelt, weist jene Signatur der Vergänglichkeit auf, die man von den Vanitasdarstellungen her kennt. Sie geben eine ganz ähnliche Tendenz zu erkennen.
Der Einsatz ungewöhnlicher Materialien in der bildenden Kunst erlebte in der Periode des Dadaismus einen ersten Höhepunkt. Dabei ging es nicht nur darum, die Betrachter durch frappierende Effekte zu faszinieren oder abzuschrecken (wie es von einem gekochten Ei heißt, man schreckt es unter kaltem Wasser ab), sondern entsprach einem Gestaltungs- und Ausdrucksbedürfnis nicht nur der Künstler, sondern auch der Zeit.
Apollinaire, ein französischer Dichter, kein Maler, äußerte sich bereits 1913 über die „neuen Materialien“ in der Malerei:
„Man hat mir auch von irdenen Kandelabern erzählt, die auf die Leinwand gedrückt werden, um den Anschein zu geben, sie kämen daraus hervor… Ich selbst fürchte mich nicht vor der Kunst, und ich hege keine Vorurteile gegen die von Malern benützten Materialien. Die Mosaizisten malen mit Marmorstücken oder bemalten Holzteilen. Man kennt auch einen italienischen Maler, der mit seinen Fäkalien malte. Zur Zeit der Französischen Revolution malte jemand mit seinem Blut. Man kann malen, womit man will, mit Pfeifen, Briefmarken, Postkarten, Spielkarten, Kandelabern, Teilen eines Wachstuchs, gestärkten Kragen. Mir genügt es, die Arbeit zu sehen. Man muss die Arbeit (traveil) sehen können.“

Es geht Apollinaire bei traveil um das Moment künstlerischer Intervention. Er fordert eine Einmischung der Person. Sie muss beteiligt sein an dem, was dann als Artefakt vorgestellt wird. Das ist eine Forderung, die er aufrecht erhält, bei allen Freiheiten, die er der Kunst zugesteht. Denn Arbeit ist das Medium, durch das sich ein Mensch in die Dingwelt einbringt und dem humanen Element zu einem Antlitz verhilft, zu einer Physiognomie, die Menschlichkeit im weitesten Sinne für andere Menschen und sich selbst zur Erscheinung bringt. Das, was sich in den Stoffen und Dingen ausprägt, ist eine Art existentieller Kommentar, ist eben Kunst.

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