im Bilde

Leicht gesagt, dahingesagt, man sei ‚im Bilde‘.
Aber welche Person könnte bei welcher Gelegenheit wirklich von sich sagen:
ich bin im Bilde?
Ist nicht die Regel, dass ein Mensch in kein Bild hineinpasst? Dass man sich mit Bildern trägt, zwischen ihnen spazieren geht, aber wo wäre das Bild, in das einer hineinpasst? Alle Rahmen sind zu eng bemessen, alle Leinwände zu straff gespannt.
Gerahmte und ungerahmte Bilder unterm Arm, in Stapeln auf den Rücken gepackt, Keilrahmen, die auf den Schultern liegen, so dass oben der Kopf gerade noch hinausschauen kann. Bist du jetzt im Bilde?

In der Stadt an der Donau, in der ich meine Kindheit verlebt habe, gibt es in der Altstadt irgendwo eine schmale, der Erinnerung nach verwinkelte Gasse „Hinterm Bild“. Gasse und Name sind noch heute da. Aber von hinter dem Bild ist es ein weiter, ein gewundener Weg bis ins Bild hinein. Gerne würden wir ihn gehen, so wir könnten.

Im Bild kann es farbig und malerisch zugehen, bestimmt aber eng, auch für einen einzelnen, selbst einen zusammengeduckten Menschen. Wie kommt es dann, dass im Bilde sein eine auf Klarheit des Verstandes zielende Redensart ist, auch unter solchen, die sich noch nie portraitiert, gerahmt oder aufgehängt erlebt haben?

Es spricht sich in dieser Wendung etwas aus, das der Bestimmtheit, mit der sie in den Mund genommen und behauptet wird, streng widerspricht. Bilder haben so viele Gesichter wie alle Dinge und Menschen zusammen, der Möglichkeit sogar noch mehr, kann es doch von jeder Sache und von jeder Person, und dann noch einmal für jede Person vielerlei Ansichten von ein und derselben Person, von ein und derselben Sache geben. Also d a s  Bild gibt es gar nicht.

Ich muss bekennen, ich kenne mich nicht aus, welche Einsicht oder Aussicht sich verknüpfen könnte mit einer Existenz, einer auch nur passageren Bleibe in einem Bild. Ich bin ja nie das Foto auf meinem Personalausweis oder mein Selbstportrait, das an der Wand hängt. Und selbst wenn man ein Gefühl, eine Ahnung dafür entwickeln könnte – sie würde immer noch nicht zutreffen, da es auf ein einziges Bild anzukommen scheint, auf d a s Bild schlechthin. Verstanden? Jetzt im Bilde?

Vorwitzige Schlussfolgerung: möglicherweise kommt es bei der diskutierten Redensart weniger auf das Bild an, als auf die Realität, die durch das Bild zugänglich gemacht wird. Das Bild steht dafür ein. Das Bild verständigt hinsichtlich einer Wirklichkeit, die ohne Bild undurchschaubar wäre, erhellt Umstände, die sonst im Dunkel, in einer Art Nichtexistenz verbleiben würden.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu im Bilde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.