Verbleib

Im Alter liegt Jugend weit zurück. Sie ist damit einer glorifizierenden Verkennung ebenso ausgesetzt wie einer hochmütigen Geringschätzung und entsprechenden Zurecht- oder gar Zurückweisung.
Mit der Frage, wo Jugend dann eigentlich abgeblieben sei, hat sich Canetti in einer seiner Aufzeichnungen befasst. Es wäre „lächerlich“, meint er, „seine Jugend aus ihren Dokumenten, ihren äußeren Überbleibseln zu erstellen. Wieviel mehr ist sie in einem geworden.“
Es sind nicht die verbliebenen Belege, die zählen, die Auskunft geben oder erzählen.
Wir alle machen immer wieder die Erfahrung, dass Produktionen und Zeugnisse der eigenen Frühzeit gerade von denen, die sie verursacht oder hervorgebracht haben, am schlechtesten eingeschätzt und „gelesen“ werden können.
„Das ganze spätere Leben saugt sie in sich ein, und die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln.“ Canettis Formulierung lässt offen, wer oder was wen oder was in sich einsaugt.
Ist es das „spätere Leben“, das seine Jugend absorbiert? Ist es die inkorporierte Jugend, die durch Anverwandlung in der Person selbst zu einem einverleibenden Leib geworden ist, zu einer Art Organismus, der sich aus dem ganzen „späteren Leben“ nährt und dadurch wächst?
Sind es die „Dokumente“?

„ … die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln. Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht.“ Was für ein Licht ist gemeint? Das Licht der späteren Erleuchtungen oder das dieser Jugend, die sich in einem unaufhörlichen inneren Aufgang befindet? Eine Helligkeit jedenfalls, die das jugendliche Frühwerk buchstäblich hinfällig macht. „Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht, ihre dürftigen Formen straucheln.“
Das abschließende Urteil Canettis eröffnet Ausblicke über den Lebenshorizont hinaus und gibt Einschätzungen an die Hand, die sich auf jedes gesamte, konkret gewordene Lebenswerk beziehen lassen: „Gut, dass aus dieser frühen Zeit alles verloren ist. Gut auch, dass weniges davon noch da ist.“
So könnte ein Überlebender sprechen, eine Person, die über den eigenen Tod hinausgelangt ist.

„Wie lächerlich es wäre, seine Jugend aus ihren Dokumenten, ihren äußeren Überbleibseln zu erstellen. wie viel mehr ist sie in einem geworden. Das ganze spätere Leben saugt sie in sich ein, und die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln. Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht, ihre dürftigen Formen straucheln. Gut, dass aus dieser frühen Zeit alles verloren ist. Gut auch, dass weniges davon noch da ist.“

Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973 – 1984, München/Wien: Hanser 1999, 14

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