Geschwister

In nahezu allen traditionellen Ethnien geht die Aufmerksamkeit auf Mutter und Vater,
in zweiter Linie auf die Brüder. In den familialen Konstellationen regieren Elternschaft und Brüderschaft. Auch im jüdischen Altertum haben Töchter keinen eigenständigen Status. Sie werden in der Regel als Töchter des und des Vaters und als Schwestern des und des Bruders ausgewiesen. Oder eben als Frau des Soundso.
Erst mit dem Auftreten Jesu, in dessen Gefolge bekanntlich eine beträchtliche Anzahl von Frauen war, auch von jüngeren Frauen, verheirateten und unverheirateten, tritt eine markante Änderung ein.
Sie drückt sich aus vor allem in seinem Verhältnis zu Maria Magdalena und deren Schwester Martha aus. Hinter beiden tritt der männliche Dritte, der Bruder Lazarus, stark zurück.
Geradezu programmatisch wird die Umwälzung, die Jesus in den familialen Hierarchien angerichtet hat, durch die Erklärung, die er Matthäus 12, 46-50 abgibt:
„Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
Ähnlich der Bericht bei Markus, Mk. 3, 31-35.
Wichtiger als Genealogie und familiale Bande ist die entschiedene Ablösung aus den angeborenen Verhältnissen, der Ausbruch aus Familie und Sippe. Ziel solch einer Emanzipation ist gemeinschaftliches Leben, das zunächst orientiert ist am zärtlichen, von Sexualität freigehaltenen Verhältnis, wie es zwischen Geschwistern möglich sein kann. Gekennzeichnet ist es durch Egalität, durch wechselseitiges Beschützen und Fürsorgen.
Der zitierte Bericht lässt offen, ob sich unter den Angehörigen, die ihn sprechen wollten, tatsächlich auch leibliche Schwestern von ihm befanden.
Vielleicht hat die Person, die Jesus auf die draußen Wartenden aufmerksam macht, nur von Mutter und Brüdern gesprochen, weil es halt üblich war, in solch einer Situation etwa begleitende Schwestern nicht zu erwähnen.
Jesus nimmt die Nachricht in einer Frage auf. In dieser ist zunächst ebenfalls nur von Mutter und Brüdern die Rede. Aber in der abschließenden Erklärung, welche sich auf eine neue Gemeinschaft bezieht, die sich allerdings erst noch konstituieren muss, ist zwischen Bruder und Mutter die Schwester zu finden. Sie nimmt einen vielleicht erst noch herzustellenden Ort ein, von dem her Geschwisterlichkeit neue Dimensionen eines menschlichen Umgangs miteinander eröffnen könnte. Dabei ist der „Wille des himmlischen Vaters“ nicht zu verstehen als Gesetz, sondern bleibt eine offene Größe, um sich im kommunitären Zusammenhang immer neu zu eröffnen und zu ereignen.

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