in Zungen

Den Höhepunkt des Pfingstereignisses, von dem die Apostelgeschichte im zweiten Kapitel berichtet, bildet das Reden in „Zungen“. Die begeisterten, vom Geist gepackten Gefolgsleute Jesu verkünden, so heißt es im Text, die megaleía theou. Sie reden in einer Sprache, die von allen verstanden wird. Man könnte auch sagen: sie reden in den Muttersprachen, im Idiom jeweils der Person, die mehr oder weniger zufällig mit dabei, im Geschehen anwesend ist.
Es handelt sich um ein kollektives Ereignis mit ganz individuellen Betroffenheiten.
Es gibt da ein Gesamtgeschehen, an dem sich alle beteiligt spüren, ein plötzlich eröffneter Raum, in dem sich jeder wiederfindet.
Alle sind außer sich, jedes Individuum ist voll und ganz bei sich selbst.

Zu den Merkwürdigkeiten des Pfingstereignisses und eines jeden ekstatischen Geschehens gehört, dass seine inhaltlichen Dimensionen im Nachhinein völlig platt, bzw. unbestimmbar und unbenennbar bleiben. Wenn sich die Evidenz verzogen hat, die spirituelle Erregung abgeklungen ist, scheint es in der Regel unmöglich zu sein, auch nur in groben Zügen das wiederzugeben, worum es im begeisterten Überschwang des Redens gegangen ist.
Daher begnügt sich auch der Verfasser der Apostelgeschichte mit dem vagen megaleia theou.
Eine Wendung, die auf das griechische Wort für groß zurückgeht: mega.
Das kennen wir alle aus Zusammensetzungen wie Megabytes und megascharf, Megaphon und Megalith.
Mega ist, wie man sieht, vielfältig verknüpfbar. Es potenziert, ist selbst aber eher leer und unbestimmt. An dieser Stelle bezieht es sich auf Megaeigenschaften Gottes (theou), die Ehrfurcht und Entzücken einflößen, und zwar beides zugleich.

Wir können uns kaum vorstellen, dass die Zungenrede der Apostel in leeren und unbestimmten Wendungen verlief. Es muss doch in den Worten etwas ungemein Bestimmtes gegeben haben, das die Zuhörer ansteckte, mitten ins Herz und Gemüt traf. Also kein diffuses Lobgehudel über die Vollkommenheiten der Schöpfung und dessen, der das alles veranlasst oder selber gemacht hat. Kein Salbadern oder Predigen, wie perfekt der oder das alles sei.
Es muss etwas Neues und Frisches, die Sinne Entrückendes ausgebrochen oder aufgebrochen sein in den Deklarationen der Apostel, dieser Gesandten eines vom Tode auferstandenen Herrn. Doch was die megaleia theou damals waren und in heutiger Wirklichkeit sind – wir wissen es nicht und können es bei ernüchtertem Bewusstsein weder vorstellen noch auch nur annäherungsweise erinnern.
Sicherlich keine bloßen Fakten oder ideologischen Zuschreibungen.

Vielleicht gehört, um ein Gedächtnis zu haben, in dem ‚Geistereignisse‘ abrufbar abgespeichert sind, eine gehörige Mischung aus Bescheidenheit dazu  u n d  jenem Größenbewusstsein, das umgangssprachlich als Größenwahn abgetan wird, als megaloman.

Man mag es als Fingerzeig empfinden, dass im Bedeutungsspektrum von megaleion, der Einzahl von megaleia, großartig und erhaben Seite an Seite stehen mit hochfahrend und aufgeblasen.

Geist als Gabe, Selbstverständliches ins Wunderbare zurückzuverwandeln, in Binsenwahrheiten die Süßwassermeere zurückschwappen zu lassen, aus denen diese unansehnlich gewordenen Wahrheiten einst aufgesprossen sind.

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