Sichtbares und Unsichtbares

Eine der Aufgaben der bildenden Kunst besteht bekanntlich darin, Unsichtbares sichtbar zu machen. Klee und andere haben darauf wiederholt hingewiesen. Allerdings: was das Unsichtbare ist oder sei, wissen wir nicht wirklich. Denn wenn bis dahin nicht Erblicktes im Artefakt zum Vorschein kommt, gibt dieser Vorschein noch keine Auskunft über das Unsichtbare. Ist das, was zuvor war, nun ausgelöscht oder existiert das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren weiter? Existiert es überhaupt oder handelt es sich da um eine Setzung ex post, aus dem Nachhinein?

Nachträgliche Annahmen dieses Typs sind auf anderen Gebieten recht häufig und lebenspraktisch. Sie schaffen in der Zeit eine Ordnung, die ein Reden von Ursprung, Ausgangspunkten usw. überhaupt erst erlaubt.

Es bleibt fraglich, ob irgendein Unsichtbares als möglicher Ursprung, als Basis gelten kann von diesem oder jenem Sichtbaren, das im Kunstwerk hervorkommt. Vielleicht ist das Unsichtbare bloß Fiktion und weit weg davon, Potential oder Ressource zu sein. Es wäre dann in derselben Weise Phantasma oder Projektion, wie die Anschauung, die ein Artefakt zur Erscheinung bringt. Und so, wie das, was in dem einen Betrachter sichtbar wird, stark abweichen kann von dem, was eine andere Person sieht, so kann auch das damit vermutlich einhergehende Unsichtbare zweierlei oder vielerlei sein, indem es hin und her springt, oszilliert, dem Auge, insbesondere dem inneren Auge sich sowohl zeigt wie auch entzieht. Mag sein, das es genau diese doppelte Bewegung ist, die das Ergriffensein, sich Wundern oder auch Erschrecken ausmacht, das durch die großen Bildwerke der Kunst ausgelöst werden kann. Eine Bewegung, die möglicherweise eingebettet ist in dem, was Benjamin Aura genannt hat.

Die Aufgabe bildender Kunst mag demnach darin bestehen, nicht nur Unsichtbares sichtbar zu machen, sondern gleichzeitig auch Sichtbares um Verschwinden zu bringen. Das sind komplementäre und einander bedingende Vorgänge, wie Erinnern und Vergessen auch.

 

Für die bildende Kunst wäre noch ein weiterer Schritt zu bedenken, der sie an den Rand ihrer eigenen Wirklichkeit führt: das Verschwinden aufzuzeigen, das in und mit der Visualisierung erfolgt. In diese Richtung sind vor allem Minimalisten, Konzeptkünstler und Arte povera

vorgestoßen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.