zu Besuch in der Vollzugsanstalt

Ein gigantisches Gefängnis, Justizvollzugsanstalt, angefüllt mit fremden Menschen, mit fremden Gesichtern, aus denen man schwer klug wird. Welches sind die gewalttätigen Anteile, deretwegen sie hier ihre Strafe abbüßen? Die friedlichen Züge und die vielleicht gewaltsamen, auf Straftaten hindeutenden, sind ineinander und miteinander verschlungen. Wenn sie in Gruppen zusammensitzen, beginnt der Besucher in den Physiognomien zu raten, in diesen immerfort changierenden mimischen Rätseln.

Niemand weiß, warum sie hier eingesperrt sind. Auch sie selbst wissen es nicht. Sogar Hunde gibt es hier, einer darunter, der dem Besucher beharrlich folgt und die Kiefer in dessen behandschuhter Hand verbeißt. Er ist kaum abzuschütteln.

Wärter streifen durch die Gänge. Sie sind an der Bestimmtheit ihres Gangs und ihres Auftretens zu erkennen. Manche sind ansatzweise uniformiert. Hin und wieder erscheinen auch andere Besucher, deren Hiersein durch unbestimmbare Motive veranlasst ist. In einigen wenigen Fällen steht fest, das sie von mildtätigen Organisationen ausgeschickt worden sind.

Wie die begangenen Taten oder Untaten in den Gesichtern der Eingesperrten versteckt und verrätselt sind, so ist auch dem Besucher von draußen der Grund verborgen, der ihn selbst hereingeführt hat. Als er einmal zufällig an die Pforte gerät, die streng und vielfach bewacht ist, Ausgang  und Eingang zugleich, zögert er. Einer der Posten fragt scharf an und will wissen, ob er hinaus oder wieder hinein möchte. Die Frage kommt harsch wie ein Befehl, in Erwartung einer sofortigen Antwort. Nach kurzem Überlegen entscheidet sich der Besucher für einen weiteren Verbleib. Er gelangt an den einzigen Ort, der offen ist zu einer tief darunter entlangführenden Straße. Hier hat sich eine Gruppe von Gefangenen niedergelassen. Der Besucher setzt sich zu ihnen. Er sieht, dass eine Flucht durch die Öffnung unmöglich ist wegen der bewaffneten Abteilungen und Polizeibataillone, die unten übers Gelände verteilt sind. Außerdem: die Luke ist so hoch über der Straße und das angrenzende Gelände so tief, dass niemand einen Sprung hinab heil überstehen würde.

Die Wissbegierde des Besuchers, mit der er in den Zügen der Häftlinge nach ihren Delikten, nach ihren Straftaten forscht, entspringt vielleicht der Unkenntnis dessen, was ihn selbst hierher gebracht haben könnte. Hier sind keine Spiegel aufgehängt. Er kann sich selber nicht sehen. Worauf geht die ihm offenbar zustehende Möglichkeit zurück, diese geschlossene Anstalt auch wieder verlassen zu dürfen? Welche Instanz hat ihm diese Freizügigkeit zugestanden? Könnte es sein, dass sie mit einem längeren Verweilen unter den Eingesperrten erlischt?

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