Betrachtungen zur Waldameise

Was wissen wir über die internen Entscheidungskriterien, die das Leben und Geschehen in einem Ameisenhaufen bestimmen?

Eigentlich nichts.

Es werden riesige Balken und Stämme bewegt, geschoben, von einem Abhang des Haufens auf den anderen gehoben. Für Außenstehende sinnlos erscheinende Operationen werden von Kolonnen oder Spezialisten zäh und beharrlich durchgeführt, von neu hinzukommenden Teams in Augenschein genommen und rückgängig gemacht, scheinbar ohne vorgängige Planung und Absprache. Geschehen und Gegengeschehen läuft in Wellen dahin, durchkreuzt und kräuselt sich, gleichsam ohne zu schwappen.

Man staunt und fragt sich, von wem all dies unvereinbarte und doch irgendwie einverständige Agieren ausgehen könnte.

Wer gibt hier die Order, den Befehl, die Anweisungen zur Einzel-, Gruppen-  oder Gemeinschaftsarbeit?

Überall laufen Straßen, überall herrscht starkes Gedränge. Das dichteste Gewimmel zeigt sich auf der Kuppe des Haufen, die den Ameisenstaat ausmacht und vielleicht auch den lenkenden Geist dieses Staatswesens beherbergt.

Das ganze ist Fabrik und Tempel zugleich. Die Arbeit an diesem gigantischen Labyrinth nimmt Generationen in Anspruch. Und wenn es eine logische Notwendigkeit gibt für die Einsicht, dass in den Tiefen dieses Baues ein Wesen alle Aktionen anleiten muss, dann sind es Wachstum und Wandel, die an jedem Ort in diesem von Gängen durchzogenen Berg aus Balken, Blättern, Steinen und Nadeln spürbar werden. In jedem Augenblick gestaltet sich von Innen her alles neu und behält, gleichsam zum Ausgleich und Schein, seine äußere, manchmal ungefüge Gestalt bei.

 

Trotzdem: kein Mensch ist jemals im Inneren eines Ameisenhaufens gewesen, um die Existenz irgendeiner zentralen, das Ganze organisierenden Instanz beweisen oder widerlegen zu können. Zoologen, Ethnologen und Staatskundler scheitern bereits an den  Untersuchungsmaßnahmen, die sie in Anwendung bringen. Sie kriegen platte Nasen an den Glasscheiben, die sie durch den Haufen ziehen, um besser beobachten zu können. Messgeräte und Gehirne, die sich in den Gängen und Stollen vortasten, werden durch ausgespritzte Säurenebel und diffuses Gewimmel desorientiert.

Da sind gewisse Künstler, die sich an die Darstellung des babylonischen Turms gewagt haben, weiter gekommen. Ein Pieter Brueghel zeigt sie verdeckt, als menschliche Wesen. Denn natürlich ist auch das andre denkbar: Menschen, die sich wie Ameisen an einem gewaltigen Bau zu schaffen machen.

 

Es gibt unzählige gleichzeitige Vorgänge, Handlungen, Austausche, Informationsflüsse in solch einem Staatswesen. Sie lassen sich selbst von einer Heerschar von Forschern nicht registrieren und abbilden. Auch eine Vielzahl mikroskopischer Kameras, an speziell entwickelte Datenverarbeitungssysteme angeschlossen, könnte wohl einzelne Szenen aufnehmen und verfolgen. Aber sie käme dem inneren Zusammenhang, dem Prinzip der Lenkung und Organisation dieses Staatswesens und der zentralen Instanz, aus der heraus die Direktiven entwickelt und erteilt werden, nicht auf die Spur.

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