Exkurs über „Pflicht“

„Pflicht“ kommt wahrscheinlich von „flechten“, nur dass das P im Laufe der Zeit weggefallen ist. Bei der Pflicht ist es pflichtbewusst geblieben

Wer verpflichtet ist, etwas zu tun, ist darin verstrickt, verflochten, manchmal kunstvoll subtil, manchmal grob und verschnürt.

Heftige Pflichten können durch Abschnürung zu Lähmungen, zu Erstarrungszuständen und Erstickungen führen. Diese Fesselung der Gliedmaßen und Abbindung der inneren gedanklichen und traumartigen Tätigkeiten unterbindet freien Austausch und natürliche Beweglichkeit, wie sie sonst – und  natürlicherweise – in Fleisch und Blut stattfinden. Bei einer dauerhaft verschnürten und stark gefesselten Person kommt es zu Schwellungen, zu Staus und bleibenden Auswüchsen. Diese Störungen verschwinden auch dann nicht restlos, wenn das Pflechtwerk abgestreift wird.

Die mit dem Verflochtensein einhergehende Einstellung wird Pflichtgefühl genannt. Sie ist kein eigentliches Gefühl, sondern tatsächlich eher eine Haltung. Bedeutende Persönlichkeiten deutscher Sprache und Kultur haben sie gerühmt und zu ihr gehalten. Bismarck leitete das „Pflichtgefühl des Menschen, der sich einsam im Dunkel auf Posten totschießen lässt, … von dem Rest von Glauben“ her, „davon, dass ich weiß, dass jemand da ist, der mich auch dann sieht, wenn der Leutnant mich nicht sieht.“

Auch Goethe soll es trotz seines genussfrohen Naturells mit der Pflichterfüllung immer sehr streng genommen haben. Als ihn im hohen Alter durch den Tod seines einzigen Sohnes der schwerste Schlag traf, schrieb er an seinen Freund Zelter (am 21. November 1830): „Hier kann allein der große Gedanke der Pflicht uns aufrecht erhalten“.

Man hört, es sei vor allem das Verdienst des großen Philosophen Kant, durch seinen „kategorischen Imperativ“ das Pflichtbewusstsein der Deutschen gestärkt und geschärft zu haben, das sich besonders im einst sprichwörtlichen Pflichteifer des deutschen Militärs und Beamtentums auswirkte. „Mein höchster Gott ist meine Pflicht“, konnte der Preußenkönig Friedrich d. Gr. noch sagen. Er soll auch das Wort von der „verfluchten Pflicht und Schuldigkeit“ geprägt haben.

Außer von „flechten“ kommt Pflicht auch von „pflegen“. Vor über tausend Jahren hatte „pliht“ im Deutschen neben „Aufgabe, Gebot“ die Bedeutung von „Fürsorge, Teilnahme, Gemeinschaft, Sitte“, während es auch damals schon – oder bald danach – den sonderbaren Nebensinn von „Gefahr, Risiko“ annahm.[1] Den hat es bis heute behalten.



[1] Pfeifer, Wolfgang, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin: Akademie-Verlag 1989, 1263

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