Blindschleiche

Im schulischen Unterricht erfährt man, die Blindschleiche sei nicht den Schlangen, sondern Echsen zuzurechnen.

Die Extremitäten sind vollständig zurückgebildet; Arme und Beine sind nicht einmal andeutungsweise zu erkennen. Lediglich bei den Embryonen sind zunächst noch vordere Beinrudimente nachweisbar, die aber später verschwinden. Bei den erwachsenen Tieren weisen nur kleine Reste eines Schulter- und Beckengürtels an der Wirbelsäule auf die phylogenetische Abstammung von Vorfahren hin, die mit Beinen, Armen und vielleicht auch Füßen und Händen ausgestattet waren. Schöpfungskundige Forscher haben daher einen genealogischen und genetischen Zusammenhang mit der Paradiesesschlange angenommen. Denn auch diese war ein ursprünglich fein gegliedertes, nicht nur zerebral hoch differenziertes  Geschöpf. Erst mit der Verfluchung büßte sie ihre Gliedmaßen ein[1] und wurde dazu verurteilt, sich bäuchlings fortzubewegen und in einer Verbannung, die sie mit den Menschen teilte[2],  Staub zu fressen.

Damals hat sie nicht nur ihren aufrechten Gang verloren, sondern auch ihre menschenähnliche  Größe samt der Fähigkeit, sich in einer für Menschen verständlichen Sprache mitzuteilen. Im Unterschied zu den ‚echten‘ Schlangen, die sich fürs menschliche Ohr zischend artikulieren, gilt die Blindschleiche als stumm. Nur hin und wieder lässt sich ein lautloses Züngeln beobachten.

Früher meinte man, Blindschleichen seien außerdem blind – daher der Name. Ein Irrtum. Inzwischen weiß man, dass die blinkende und blendende Schuppenhaut entscheidend zur Namensgebung beigetragen hat: Blindschleichen als blendende und blinkende ‚Schleicher‘.

Diese Benennung führt gleichfalls auf die Urschlange im Gan Eden zurück: „die Körper der erwachsenen Tiere haben eine variable Grundfärbung aus oberseits Braun-, Grau-, Gelb-, Bronze- oder Kupfertönen.“[3] Diese wechselnden Charakteristika haben die Blindschleichen übernommen. Auch unter den „echten“ Schlangen gibt es keine, die so schillernd und variabel in ihrer Hautfärbung sind.

 

Fassen wir zusammen: die Blindschleiche hat die Erbschaft der seinerzeit verstümmelten Paradiesschlange angetreten und bis heute behalten. Ihr Verhältnis zur Menschheit ist dadurch hoch ambivalent. Zwar ist sie eher Eidechse als Schlange, aber schon ihr lateinischer Name Anguis fragilis [fragile Schlange]weist sie der Gattung der Nattern und Vipern zu. Dementsprechend wird sie bis auf den heutigen Tag von Menschen totgeschlagen, denen sie über den Weg läuft, auf deren Wegen sie liegt. Denn sie liebt es, abends auf teergepflasterten Straßen zu liegen, die von der Sonne aufgewärmt sind. So lädt sie ihre Körperwärme auf für die kommende Nacht. In bedrohlichen Augenblicken kommt es darauf an, nicht starr, sondern beweglich zu sein. Die vorüber- und darüberfahrenden Fahrzeuge kümmert das nicht. Sie sind blinder als je eine „Blind“schleiche sein konnte.

Bis zum heutigen Tag haben diese sonderbaren Reptilien nicht aufgehört, zu blinken und in unnachahmlichen Farbtönen Glanz auszusenden. Für dieses Blendwerk sei ihnen an dieser Stelle gedankt.

 

 

 

[1] von dem Verlust der Extremitäten berichtet nachdrücklich eine jüdische Sage: Arme und Beine wurden ihr damals abgehackt, so dass sie sich nur noch auf dem Bauch fortbewegen konnte und buchstäblich Staub fressen musste

[2] an diese Schicksalsgemeinschaft lassen sich die Menschen nur widerwillig erinnern – daher ihr Schlangenhass, ihre Schlangenphobie, der gerade auch Blindschleiche bis heute zum Opfer fallen

[3] Wikipedia, Art. Blindschleiche

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.