Dietmar

Nun trage ich diesen Namen schon weit über siebzig Jahre und hab auf sich beruhen lassen, welche Bewandtnis es damit hat. Von meinem Vater habe ich gehört, es bedeute einen, der ‚den Leuten erzählt‘. Da gilt die erste Silbe so viel wie Volk, in der zweiten sind die Mären und Märchen enthalten, die Diet-mar den Leuten erzählt.

So richtig wiederfinden in der Deutung, wer ich vom Namen her bin, das ist mir nicht gelungen.

Es mangelt am Naturell und an den Gaben, die ein Volksredner braucht.

Märchen liebe ich zwar, höre aber lieber zu und lasse sie mir erzählen.

In einem Band Grimmscher Märchen heißt eines das „Das Dietmarsische Lügenmärchen“. Es fängt an mit „Ich will euch etwas erzählen …“. Dann folgt eine Lüge und Übertreibung nach der anderen: Gebratene Hühner, den Spieß durch den Rücken, fliegen über den Himmel, den sie mit herabtriefender Soße braun eingefärbt haben. In einem Teich gibt ein Amboss einem Mühlstein Schwimmunterricht. Sie schwimmen rheinabwärts. Über dem runden Mühlsteinloch, in dem das Rheinwasser schwappt, sitzt eine Erdkröte und nagt an den Resten einer Pflugschar, die sie zu Pfingsten einfing, als sie vom östlichen zum westlichen Flussufer die Wellen aufpflügte.

Auf einer schwimmenden Insel, die mit der Strömung sich zur Rheinquelle zurücktreiben ließ, machen sich drei Kerle zu schaffen. Der eine hatte Räder statt Beinen, der andere hat in den Augenhöhlen Hörrohre stecken, die wie Megaphone aussehen. Ein dritter kann mit den Ohren wackeln wie ein Elefant. Sie spielen einen Sommernachtstraum…

So kann es im Dietmarsischen Lügenmärchen endlos weitergehen. Gewiss habe ich es schon in der Kindheit gekannt, wie die noch bekannteren Lügenverse von der Kutsche und dem Hasen, der auf der Sandbank Schlittschuh läuft. Aber ich hab es nicht eigentlich gemocht. Vielleicht, weil ich schon früh damit geneckt wurde und naiv genug war, den Unterschied zwischen dietmarsisch und dietmarisch nicht sehen und nicht verstehen zu können. Eine Kenntnis, die durch ihr Ausbleiben diese Lügengeschichten mir erst heute gefällig gemacht hat: Denn in jenem Land sind die Elefanten so riesig wie Mäuse und buddeln unter der Erde, mit Maulwürfen Schulter an Schulter. Aber die Fliegen – die sind kaum größer als Ziegen steigen von Ziegen umsurrt über Scheiben und Giebel hinweg in ein Land, das die Kielspur der Nachtsonne hinter sich herzieht.

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