der eigene Ton

„Der eigene Ton ist alles; wer den nicht hält, begibt sich der inneren Freiheit, die erst das Werk möglich machen kann. Der Mutigste und der Stärkste ist der, der seine Worte am freisten zu stellen vermag; denn es ist nichts so schwer, als sie aus ihrer festen, falschen Verbindung zu reißen. Eine neue und kühne Verbindung von Worten ist das wundervollste Geschenk für die Seelen und nichts Geringeres als ein Standbild des Knaben Antinous oder eine große gewölbte Pforte.“[1]

Zur Sprache, zur eigenen Sprache finden und zu Wort kommen, darin ist eine dichterische Aufgabe zu erkennen. Aber nicht nur. Offenheit, die Fähigkeit zur unverblümten, zur unverstellten Rede ist nicht vielen gegeben. Im biblischen Griechisch ist das parrhesía und meint ehrliche Rede, durch Wahrheit aufgetragen und eingegeben, oder diese vielmehr erst anbahnend. Um es wieder einmal zu Bewusstsein zu bringen: Wahrheit ist nicht stationär, sondern geschieht. Was sich bewahrheitet, war vorher verborgen, im eigentlichen Sinne nicht da.

Zum eigenen Ton finden, zur eigenen Stimme, in der dieser Ton schwingen und mitschwingen kann. Dann finden sich die Zusammenhänge, um die es geht, von selbst ein und die Worte treten mit dem Gemeinten in Konstellationen, die diese Zusammenhänge in passender Tonlage darstellen, anschaulich und vernehmlich.


[1] Hugo von Hoffmannsthal, Poesie und Leben, in: Der Brief des Lord Chandos, 29

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