Chamäleon

Zwischen Erde und Luft, zwischen Holz, Blättern und Luft, sogar zwischen Luft und Luft, wenn sie frisch dahinströmen, die Lüfte, durchflattert vom Band der hellen Jahreszeiten, lebt das Chamäleon.
Präparierte Exemplare liegen gefangen im Glas, verloren an die dünne Spiegelung, die sich an den Glaswänden dieser kleinen Särge abzeichnen. Die Augen treten immer noch mächtig hervor, die Pupille als ein schwarzer Punkt wie der Keim im Froschlaich. Ein wenig blind ist es schon, das Auge, wie beschlagen von dem blinden Glas, durch welches das Draußen, die Gänge der klinischen Anatomie, trübe hindurchscheinen.
Manche tragen die abgezogene Haut in der Brieftasche, als wäre es ein hochdotierter Geldschein oder der Talisman, mit dem professionelle Spieler ihr Glück machen, Banken abzocken, ein großer Reibach, der auf die Haut des Chamäleons geht.
Zwischen Erde und Luft strömt’s dahin, von einem winzigen Lächeln der Atmosphäre begleitet.
In freier Natur leben sie davon, von diesem Lächeln, das in den Witterungen, in den Zuglüften der Atmosphäre flutet und ebbt. Man hat für Luft gehalten, wovon sie sich nähren. Aber welches Lebewesen könnte bloß von Luft leben?
Sie speisen hoch in den Bäumen und tief in den Büschen das Lächeln, das ihnen gnädige Sphären schenken, Atmosphären, Stratosphären und andere, die wie Häute einer Zwiebel sich um die Weltorte aufbauen, wo sie leben, manchmal mitten unter geistesabwesenden Menschen, die achselzuckend auf ihre in Verlust geratenen Identitäten verzichten.

Die Welle, die aus dem Meer zurückläuft, trägt das Lächeln, das der Passatwind verloren hat, an den Strand. Möwen und Schildkröten bauen es in ihre Nester. Der Kolibri schwebt zitternd über blühenden Büschen entlang, die es eingenommen haben in ihrem Geruch, als wär’s Chlorophyll. Mit eingerollten Zungen, mit Zungen, die wie Spiralfedern eingerollt, wie Gummibänder zusammengezogen sind und die hervorschnellen können, wie die Brandung, über welche die Surfbretter gleiten, mit rollenden Augen lagern sie dort im Gebüsch. Keiner von den Menschen, die nahebei ihr Picknick betreiben, hat eine Ahnung davon. Sie braten auf Spießen Filets und gießen Ketchup dazu, während unfern im Laub oder Astwerk das Chamäleon lauert, etwa in der Farbe der Luft und in der Farbe des Laubs, die es im Herbst unserer Träume annimmt.

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