Maulwürfe

Über Tage sind sie eigentlich niemals und nirgends zu sehen.
In den schwarzen Erdhügeln, die sie aufwerfen, ist zuweilen eine Bewegung zu sehen, die sich fortsetzen kann, wie ein winziges Beben, von einem Haufen zum nächsten. Dazwischen quillt mitunter noch einer auf, anfangs kaum größer als eine Brustwarze, dann ein voller Busen aus frischer dunkler Muttererde.
Vielleicht huschen sie nachts auch oberirdisch. Dann könnte man sie sehen, wenigstens bei Vollmond und in sternklaren Nächten, wäre ihr samtiges Fell nur ein wenig weniger schwarz. Aber so schluckt ihr Pelz alles Licht, das aus dem leuchtenden Firmament herabstrahlt. Sie werden nicht sichtbar, nicht einmal ihre rosigen Tatzen, die sie wie Flossen seitlich wegstrecken. Dann erinnern sie an winzige Walrosse, die, aus einem unterirdischen Meer aufgestiegen, lautlos und flink über Land paddeln.
Aber sie lassen sich auch im Dunkeln nicht blicken. Sie gehören der Dunkelheit an, in der sie sich geschickt fortbewegen und ihre Bleiben einrichten. Ihr Dasein wird fast nur durch jene aufgeworfenen Hügel bezeugt, die jedes Kind kennt. Sie sind durch vielfach gewundene Gänge untereinander verbunden und deuten ein unterirdisches Labyrinth an, in dem jedes andere Geschöpf die Orientierung verliert und aussichtslos in die Irre geriete. Doch ihnen, den Maulwürfen, stehen außer dem Tastsinn und einer feinen Witterung viele weitere Sinne zur Verfügung, von denen wir nur diejenigen kennen, die auch uns Menschen vertraut sind.
Sie lassen sich, wie gesagt, kaum jemals blicken. So jemand jemals einen Maulwurf im Felde zu Gesicht bekommt, ist es mit größter Wahrscheinlichkeit einer, den beim Queren eines begangenen Pfades oder eines befahrenen Weges ein jäher Tod ereilt hat, Versagen des Herzens oder Versagen eines der Sinne, die einen Maulwurf ein Leben lang durch tiefste Finsternis lenken, mit tödlichen Folgen. Daher das geflügelte Wort: “nur ein toter ist ein sichtbarer Maulwurf.“

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