Selbstnachahmung

Leonardo hatte schon früh den Verdacht, dass in der Malerei die Künstler dazu neigen, sich selbst nachzuahmen. Dieser Mechanismus heißt Automimesis und dürfte für andere Künste entsprechend gelten. Sie können ihrem Stil, ihrem Duktus schwerlich entrinnen und bestätigen diesen in der Selbstwiederholung. Eine Beschränkung, die den freien Zugang erschwert zur Andersheit einer Welt, die ins Bild, ins Lied, ins Gedicht gebracht werden möchte.
Aus diesem Grunde fordert Leonardo eine Wissenschaft, die aus der Erkundung und Beobachtung sowohl der Natur als auch der eigenen Individualität hervorgehen sollte. Mit anderen Worten: Naturforschung ohne gleichzeitige Selbsterkundung vermag den automimetischen Tick ebenso wenig zu tilgen wie Introspektion, die sich nicht in Zusammenhang bringt mit Naturerkundung.
Damit ist das künstlerische Tun in den Rang eines Erkenntnismediums gehoben.
Erst im Durchbrechen der automimetischen Zwänge kommt der Künstler dem Wesen der Phänomene nahe, die er fassen möchte, damit auch seiner eigenen „Natur“.
Die Qualität der Kunst als Erkenntnismedium, nicht –instrument, sondern –medium, hat seit Leonardo ständig und gleichsam in Schüben zugenommen. Eine ganz entscheidende Phase wurde mit der Erfindung und Verbreitung der Kamera eingeleitet. Inzwischen ist sie ja fester Bestandteil des Mobiltelefons und in jedem Bildschirm und Monitor eingebaut. Es ist damit ein noch nie dagewesener Umfang an möglicher Selbstreflexion eingetreten. Dazu meint der Fotograf Mikhailov:
„Schaut man durch ein Fernglas, beobachtet man jemanden. Schaut man durch einen Fotoapparat, dann beobachtet man auch sich selbst.“
Wenn jedoch diese Selbstreflexion unreflektiert bleibt, wird sich an den automimetischen Bahnungen wenig ändern. Sie könnten dann sogar noch eingefahrener werden.

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