Spiegel

Gäbe es kein Licht – was hätte es dann für einen Sinn, von Spiegeln zu reden?

So aber, in der Besinnung auf alte, längst schon abgelegte Erinnerungen, an Stundenlicht und Rosen, gelbe Rosen Mimosen
im Quadrat, im Sichtfenster, im Schaukasten – oder in der Betrachtung der Unwirklichkeit des Fenstermachers: jeder Fenstermacher arbeitet unwirklich.

Doch zu den Spiegeln zurück: von ihrer stählernen Rückseite kommend, Däumlinge, die wir kaum an ihren untersten Rand reichen, betrachten wir diese Dinge auf Zehenspitzen, mit kurzem, stoßweise gehendem Atem.
In den Feldern, flüchtig und flach, die der Hauch dem Plexiglas aufträgt, schimmert das Rot der Warnleuchten: keine Panik, angurten, bitte das Rauchen einstellen.

Dann das ewige Warten auf den kaum merklichen Abhub,
auf das anfanglose Abfedern in die Lüfte des Stahls, abheben
in den Stahl, aus dem wir schon seit Jahrtausenden hervorscheinen,
in merkwürdiger Unsichtbarkeit für uns selbst.

Eine letzte, stets gegenwärtige Frage, die einfach nicht loslässt: wird man dem eigenen Tod bei seiner Arbeit zuschauen?

Gäbe es kein Licht – was hätte es für einen Sinn, nach Worten dafür zu suchen, oder nach Einkleidungen in einem schwankenden Raum?

So aber trinken wir unsere Tassen leer.
Flughäfen, die wir verlassen, schnelle, im Tempo der Schienen
aufkommende und verschwindende Bahnhöfe, an denen Kästen
voller Geranien aushängen.
Auf den Bahnsteigen immer wieder Gesichter, reiselustig und
wie verwischt durch das Reisen im Ultralichtschall.

Dann wieder Glanzlichter, die auf der weiten Fläche des Stahls erscheinen, mit blitzschnell springenden Zacken, Sterne oder eher Funken, die aus zugehängten Feuern aufwirbeln. Unsichtbarkeit: sie nimmt unter uns einen wachsenden Raum ein, den wir wie im Luftkissenschiff überqueren.
Unwissen, atemberaubende Wenigkeit, die allesamt aufsaugt und den Luftstrom ausspeit, um die Venen und Zellen zu blähen, in denen wir bauen und fahren, ein Schnauben des nächtlichen Drachens, unter dessen Wimpern das Morgenrot spielt ..

1986

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