Martha & Maria

Lukas gibt die Episode im Evangelium am Ende des 10. Kapitels:

Martha lädt Jesus in ihr Haus ein. Die Erfüllung der Pflichten als Gastgeberin nehmen sie voll in Anspruch, treiben sie um, wie es im Text heißt, während Maria, ihre Schwester, sich im Kreis derer niedergelassen hat, die lauschen, was Jesus jetzt und hier zu sagen hat.

Zu seinen Füßen, sagt der Text.

Martha ist empört, dass die ganze Arbeit ihr überlassen bleibt.

Sie geht zu Jesus und bittet, die Schwester zu bewegen, ihr beizustehen, mit

anzupacken. Für ihre Tätigkeit nimmt das Griechische den Ausdruck diakonía..

Martha wird nicht harsch, aber doch entschieden zurechtgewiesen:

du sorgst dich um vieles und lässt dich durch vieles umtreiben und bekümmern – aber nur Eines tut not. Und dann folgt der bekannte Satz: Maria hat das gute Teil erwählt, es soll nicht von ihr genommen werden. 

Heute stocken wir beim Hören: wenn Eines notwendig ist, warum heißt es dann, Maria habe sich das gute Teil erwählt? Sollte ihr also doch nicht das Eine – und einzig Notwendige – zugefallen sein, das wir uns doch nur als ein Ganzes vorstellen können?

Sollten erst die Teile zusammen dieses Eine und Ganze ergeben, Marthas Verrichtungen und Marias Lauschen vereint?

Marias Anteil an dem Einen Notwendigen wird als gut gekennzeichnet. Ihr ist das gute Teil zugefallen, keineswegs das bessere oder gar das beste.

Und Martha? Sie wird aufmerksam gemacht auf ihre Umtriebigkeit, nicht eigentlich für ihre Aktivitäten als Gastgeberin Jesu und seiner Jüngergruppe kritisiert, sondern vermahnt, weil sie ihre Schwester ums untätige Zuhören beneidet. Ihr Anteil ist weder besser noch schlechter als der, den Maria sich genommen hat. Erst durch die eigene Einschätzung bzw. Geringschätzung setzt sie ihn herab und erhöht dadurch den ihrer Schwester.

Zum Schluss noch eine Mutmaßung im Sinne geschlechtlicher Gleichstellung:

vielleicht wollte Martha mit ihren Worten nicht nur Maria, sondern Jesus selbst und seine Jünger bewegen zum Mittun am Herd, beim Decken des Tisches und Zurechtrücken der damals üblichen Liegen und Sitzpolster.

Es könnte sein, dass sie darin, im gemeinsamen Handeln, im Mittun eine Gelegenheit ahnte, viele Teile zu einem Ganzen zusammenzufügen, keineswegs dauerhaft zwar oder notwendig, aber immerhin exemplarisch, sozusagen auf Probe und auf eine Erfahrung hin, die vielleicht trägt, gerade in immer noch andauernden Zeiten ungleich zugewiesener Funktionen, Rechte und Rollen.

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