Formica silvestris

img_2351.jpgDie Waldameise scheint, aus der Höhe betrachtet, stets bemüht.
Sie wuchtet Balken und rollt Brocken, größer als die Felsen des Sisyphos. Sie atmet schwer, ohne zu klagen und verbreitet einen Geruch von Essig, wenn sie verwegen und ohnmächtig zugleich sich in der Wade eines menschlichen Eindringlings festbeißt. Wir bewundern ihre Greifwerkzeuge, die stark und fest am Körper sitzen. Dazwischen ein kräftiger Schädel mit einer Physiognomie, die man nicht so leicht vergisst.

Außerhalb der Wälder, in denen sie Straßen zieht wie einst die Römer und stufenlose Türme anhäuft wie einst die Leute von Sumer und Akkad, taucht sie nur ungern und missmutig auf. Sie scheut Vereinzelung  und bricht lieber unter Lasten zusammen, als unbeladen und ohne Auftrag durch Reviere zu irren, in denen es keinerlei Geselligkeit gibt.

Woher die einzelne Ameise ihre Weisung erhält, bleibt ein Geheimnis. Den Geist des Ameisenstaates gibt es gewiss, aber auch von den Ameisen selbst hat  ihn noch niemand gesehen. Sein Kommen und Gehen gleicht einem Verdichten und einem Verdunsten. Dazwischen liegt das Blühen des Staatswesens und seines Volkes, das dieser Geist gleichsam beseelt und zu jedweder Tätigkeit anleitet.

Aelian, Oberpriester und römischer Schriftsteller um 200 n.Chr., hat bemerkenswerte Berichte über Ameisen gesammelt und festgehalten. Er spricht von ihnen mit großer Achtung:
„Die Geschichtsschreiber preisen die ägyptischen Syringen; auch die kretischen Labyrinthe preisen dieselben und das Geschlecht der Poeten; die mannigfaltigen Straßen und Windungen und Gänge in dem Erdbau der Ameisen kennen sie nicht. Diesen unterirdischen Bau machen sie aus Klugheit äußerst verschlungen, um den Zugang der ihnen nachstellenden Thiere schwierig oder auch ganz unmöglich zu machen. Die Erde, die sie auswühlen, auch diese werfen sie vor der Mündung auf, und machen sie so gleichsam zu einer Mauer und einem Bollwerke, damit das Regenwasser nicht leicht hinabfließe, ihre Werke überschwemme, und alle oder doch die meisten tödte. Sie bauen auch Erdwälle auf, die in der Mitte die Höhlen voneinander absondern, und Dieß mit vieler Kunst. Es sind der Abtheilungen drei, wie in einem vornehmen Hause: die eine richten sie zum Männergemache ein, worin die Männchen und die zu ihnen gehörigen Weibchen wohnen; die andre, wo die trächtigen Ameisen gebären, gleichsam ein Frauengemach; die dritte sondern sie als Schatzkammer und Magazin für den eingespeicherten Samen ab; und weder Ischomachus, noch Sokrates, die Kenner einer beneidenswerthen Oekonomie, lehren sie Dieß. Wenn die Ameisen ausgehen, um zu fouragieren, folgen sie den Größten; und diese führen sie wie Feldherrn an. Wenn sie nun auf das Getreidefeld kommen, stellen sich die jüngern unten an den Halm; die Führer aber steigen hinauf, beißen die sogenannten Spelzen der fruchttragenden Halme ab, und werfen sie dem untenstehenden Volke zu. Diese stellen sich darum her, beißen die Acheln ab, und schälen die das Korn bedeckenden und umschließenden Hülsen; und hierbei brauchen sie weder eine Dreschtenne, noch Männer, die mit dem Wurfeln umzugehen wissen, noch auch Winde, welche die Spreu und die Frucht sondern und scheiden; und doch haben die Ameisen die Nahrung ackernder und säender Menschen. Auch das habe ich als einen Beweis ihrer Klugheit gehört, dass die todten Ameisen von ihren Angehörigen in die Hülsen der Fruchtkörner gehüllt werden, wie von den Menschen die Eltern oder die ganze Freundschaft in die Särge gelegt werden.“ [1]


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[1] Claudius Aelianus, Werke, Stuttgart 1842, Zweite Abtheilung: Thiergeschichten, Buch 6, Nr. 43

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0 Antworten zu Formica silvestris

  1. Rebsch sagt:

    Ameisele, Ameisele –
    so emsig und mühselig,
    bahnst Dir den Weg durchs Gewusele
    folgst seiner Ornung.
    Nach Deiner Wiedergeburt
    sei Dir ein singendes Leben vergönnt –
    als Grille vielleicht oder als Lerche.

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