Klangwolke, cloud of sound

Es ist die Idee aufgekommen, am 31. Mai, an einem Samstag, um 12 Uhr Cest, zentral europäischer Zeit, auf allen Bergen und Hügeln schlag 12 Uhr mittags Klangschalen anzuschlagen, beginnend um 12 Uhr und endend mit dem 21. Schlag.

Um diese Zeit fährt K. ein kleines Wäldchen an.

Schönes Wetter, 30 Grad Celsius. Da ist der Schatten eines Waldes, nicht schlecht.

Man erreicht ihn durch Weizenfelder. Sie wogen wie ein Meer im Wind.

Über Waldboden, mit abgebrochenen Ästen bedeckt, gelangt K. an einen umgestürzten Baum.
Nur noch der Strunk steht, ist bedeutend, eine Halbsäule im klassischen Stil.
Ein Schaft, der einige Meter in die Höhe emporragt.
Seitlich, in der Vertikale, führt eine Ameisenstraße empor und hinab.
Die Tiere wimmeln in einem Spalt, den ein Blitz lotrecht geschlagen haben könnte, von den Wurzeln bis in den Laubhimmel. Sie wandern, Scharen und Hundertschaften, Kolonnen von Roten Waldameisen, mit und ohne Lasten, mit und ohne Gepäck. Irgendwo haben sie ihre Siedlungen, ihre Nester, ihr bewohntes Labyrinth. Aber hier sind sie pausenlos unterwegs.
 

K. schaut auf eine Uhr, die ihn begleitet, auch heute, um die Zeit nicht zu versäumen.
Beim Blick aufs Zifferblatt hört er zu Häupten zu Ohren ein Rauschen.
Das ist sie ja schon, die Klangwolke! Sie zieht gerade ostwärts vorüber gen Tibet.
Sie lässt ihren Start hinter sich.
K. hat 12 Uhr leider beim Klettern durch Weizenfelder versäumt.

Erstaunt und erschrocken, hält inne, wünscht einen Gruß hinterher.


Dann erkundet er den Strunk und möglichen Aufstieg.

Er möchte seinen verspäteten Gruß nach Tibet gern aus der Höhe verrichten.

In einem Gebet grüßen, das hinter der Klangwolke her fliegt.

Der Restbaum ist seitlich mit einem großen Baumpilz überwachsen.
Der steht in Kopfhöhe wie ein Ohr heraus.
K. hebt sein linkes Bein, um den Fuß auf diese Ohrmuschel wie auf eine Sprosse zu setzen.
Dann umarmt er den Baumstamm und zieht sich an ihm empor.

Auf dem Dach der Säule tummeln sich Schlupfwespen und Waldbienen.

K. setzt sich. Ihm ist schwindlig geworden in dieser ausgesetzten Position in etwa 3 Meter Höhe.
Dann schwingt der Kreislauf wieder ein: er kann sein Gebet nach Tibet beginnen.
Wegen des Höhenschwindels zunächst in abweichende Richtung.
Aber es wird den Anschluss schon finden; man bewegt sich in hohen Sphären, da spielen Himmelsrichtungen eine untergeordnete Rolle.


Die Uhrzeiger zeigen,  die aktuelle Aktion ist vorbei.

K. denkt ans Hinabsteigen.

Es ist tief unter ihm.

Rundherum dehnt und breitet sich Laub, das zu irgendwelchen schwindelerregenden Bäumen gehört.

Für einen kurzen Moment fühlt sich K. in die ausgestorbene Rolle eines Säulenheiligen versetzt.

Er schwebt in der Anhöhe dieses Gedankens wie ein Heißluftballon.

Dann wird es ernst: am erkletterten Strunk in einem jähen Rutsch in die Tiefe zurück.

Freier Fall. So erreicht man den Waldboden.

An den Armen eine geringfügige Schürfung.

Das ist die Sache schon wert.

Inzwischen: die davonreisende Klangwolke häuft sich, sie wächst.
Vom Montblanc, vom Monte Rosa und Baldo, vom Piz Buin und vom Hügel Montmartre, vom Mons Vaus und vom Ararat, vom Ätna und Kilimandscharo fließt es ihr zu, unterwegs.

Sie wächst, um irgendwann über Vibrationen und Schwingungen an Herz und Gewissen zu rühren.
Sie möge gut ankommen, unsere Klangwolke,
sie möge sich um den ganzen Globus ausbreiten.

Es soll eine große, eine gemeinsame Rührung geben,

in diesem Moment und/oder in Lichtjahren,

spätestens dann wenn der Schall die ewige Ruhe der Buddhas

in uns

erreicht haben wird.

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