Sacktücher, Schneuztücher

Klar, das Taschentuch kam nicht mit der Nase und nicht mit der Einführung der Tasche in die Welt. Anatomie und Zivilisation gehen verschiedene Wege. Deswegen verhalten sich die Dinge wieder mal ganz anders:

um 1500 reist  Francois Tissard aus Paris nach Italien, nach Ferrara, um dort Hebräisch zu lernen. Nach seiner Rückkehr verfasst er, ein Novum für die damalige Zeit, eine Schrift, ein Kompendium über hebräische Grammatik.

Im Vorwort zeichnet er eine Merkwürdigkeit auf, die ihm bei einem seiner rabbinischen Lehrer unangenehm aufgefallen ist: dieser pflegte ein Stück Tuch bei sich zu haben und es gelegentlich an den Mund zu führen, „um den Speichel damit zu entfernen, statt auf die Erde auszuspucken, wie jeder normale Christenmensch“.

In der Einführung zu seiner hebräischen Sprachkunde schreibt der Verfasser: „Ich begann mich vor diesem Menschen zu ekeln, und zwar in solch einem Maße, dass ich nicht umhin kann, ihn hier in aller Öffentlichkeit anzuprangern.“[1]

Der Gebrauch von Taschentüchern, um Speichel, Rotz und Schleim, gelegentlich auch Tränenwasser und Stirnschweiß aus dem Gesichtsbereich aufzunehmen, scheint seine Anfänge in gelehrten jüdischen Kreisen genommen zu haben.

Bereits im 13. Jahrhundert wird diese Angelegenheit Gegenstand eines halachischen Disputs, den der italienische Rabbiner Isaiah Trani zu Papier bringt.

Aus dem nördlichen Raum berichtet ein Schüler des Rabbi Jacob Mölln, dass sein Meister in der Synagoge beständig solch ein Tuch mit sich führte, anscheinend mit dem gleichen vielfältigen Verwendungszweck.

Dieses Requisit mit den sonderbaren Namen fazzoletto, handkerchief,  mouchoir, Schneuztuch, panuelo, verrät in der vulgäreren umgangssprachlichen Benennung Rotzlappen oder Rotzfahne noch das anstößige Moment, das dem guten Francois Tissard so penetrant aufgestoßen sein muss.

 

In der (höheren) europäischen Gesellschaft setzte sich die Sitte, ein Taschenbuch für alle Fälle mit sich zu führen, erst zum Ende des 16. Jahrhunderts durch, und zwar zunächst unter den Damen in der Aristokratie der Republik Venedig.

Da auch in den venetianischen Palästen das Spucken und Rotzen auf die blanken Böden, geschliffenen Gläser und Teppiche in keiner Weise vermahnt wurde (im Gegensatz zu Jahrhunderten später, wo in Deutschland in öffentlichen Gebäuden, Straßenbahnen und Zugwaggons, „Ausspucken verboten“ zu lesen stand) bleibt fraglich, wodurch dieses eher unauffällig und leicht zu verbergende Accessoire ursprünglich motiviert wurde.

 

Mode und Ritus, Wandlungen des Frauenbildes, des Menschenbildes, haben sicherlich größeren Einfluss gehabt als irgendwelche Rücksichtnahmen auf Marmorfliesen, umstehende Personen, Menschenbeine und in Schuhen steckende Füße, Teppiche, Mobiliar, Kristalllüster etc.

Noch das Barock war bekanntlich bekannt dafür, dass man sich bei großen glänzenden Festen zum Pissen und Scheißen einfach hinter die Fenstervorhänge setzte. So lange diese Bedürfnisse nicht in extra dafür installierten intimen Örtchen oder Aborten verrichtet werden konnten, empfand man keine Scham beim kleinen oder großen Geschäft.

Und genau das bekundet die paradox erscheinende Entrüstung des Francois Tissard: statt sich des Körpersekrets einfach zu entledigen, schleppt der ferraresische Rabbi seinen Schleim und Rotz in einem Tuch unentwegt mit sich!

Solch ein Verstoß gegen dominante kulturelle Sitte und Norm wird als unsittlich, unkultiviert, eben auch ekelerregend gebrandmarkt.

 

In der Empörung meldet sich allerdings schon eine neue alte, eine gewesene und künftige Befangenheit. Sie zielt auf das Sekret oder vielmehr auf dessen Quelle, den Körper.

Denn dessen Absonderlichkeit und Abnormität findet gerade in den leibhaften Ausscheidungen und Absonderungen ihren lebhaftesten Ausdruck.

Von solchen Betrachtungen her erscheint die früheste Bezeichnung des corpus delicti, nämlich fazzoletto, besonders aufschlussreich: sie erinnert an fazzone, entsprechend unserem Fasson, im Sinne von Brauch, Mode, enthält aber auch Erinnerungen an das Gesicht, lateinisch facies, das mit diesem Tüchlein nicht nur abgewischt, sondern mal verdeckt, mal ausgeschmückt wird.[2]



[1] nach Cecil Roth, The Jews in the Renaissance, Philadelphia: JPS 1977, p.144

[2] affazzonare ist altitalienisch zieren, ausschmücken, n. Meyer-Lübke, Romanisches Etymologisches Wb., Heidelberg 1911, S. 235, Nr.3130 u. 3133

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