Sprechübungen, Schreibübungen

#Stumm kommt man zur Welt. Das verlernt man nicht so schnell, man wird es nie wirklich los.
Bis zum Lebensende geht man dagegen an, gegen diese angeborene, diese mitgeborene Sprachlosigkeit. Ein zäher und verzweifelter Kampf, den man zum Ende hin doch wieder verliert, im Verstummen, das mit dem Tod eintritt.
Es gibt Kinder, die gleich nach der Geburt begierig nach den Lauten greifen, die zu ihnen hinfinden. Es sind Geräusche und Worte – schwer auseinander zu halten. Sie nehmen diese Geräusche und Laute in sich hinein und bringen sie wieder hervor, ähnlich als Geräusch oder anders als Laut und nicht wiederzuerkennen. Die Anstrengung, die dabei ist, verzerrt ihre kleinen Gesichter.
Das Erlernen der Laute und Worte ist eine Sache, das Verlernen der hartnäckigen Stummheit, das Ablegen dieses unsichtbaren Knebels eine andere.
Ich habe nicht zu denen gehört, die mit rascher Auffassung einen raschen Weg ins Sprechen gefunden haben. Ich erinnere mich nicht. Aber es ist mir gesagt worden, dass ich noch mit vier Jahren unwillig war, Worte zu gebrauchen. Ich habe gegrunzt, zustimmend gegrunzt und ablehnend gegrunzt. So ist es überliefert. Ich erinnere mich nicht. Vielleicht fängt Erinnerung, auf die man später Zugriff hat, erst mit dem Sprechen an, mit der Initiation in Sprache, die bei jedem Kind anders aussieht, bei ähnlichem Grundmuster.
Meine Großmutter war über mein Schweigen sehr besorgt, drei Jahre nach meiner Geburt und als das vierte Lebensjahr beinah schon vollendet war. Sie schlug vor, mein Zungenband zu lösen. Das war ein symbolischer, zugleich aber operativ gemeinter Vorschlag. Er wurde nicht durchgeführt. Es war im ersten Jahr nach dem Krieg und auf dem Lande und gab ohnehin andere Sorgen und Wichtigeres zu tun und zu beschaffen.
Stumm und linkshändig kam ich zur Welt. Den Regeln dieser Welt entsprechend wurde ich zum Sprechen erzogen und in Rechtshändigkeit eingeübt, entsprechend den Geboten damaliger Zeit.
Beide Konditionierungen haben mich umgedreht, in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Seitdem ich sprechen gelernt habe, kann ich nicht mehr schweigen, wenn ich zusammen mit anderen bin. Schweigen bereitet mir Pein. Meine Linkshändigkeit ist auf meine Rechtshändigkeit übergegangen. In meinem Kopf hat sich irgendetwas verdreht. Aber das geht in Ordnung so, inzwischen.

Das Schreiben ist, wie mir scheint, ein Ausweg aus dem Zwang, zu sprechen. Es ist eine Mischung aus Schweigen und einem Sprechen, das wenig zweckmäßig ist. Es geht ins Dichterische und ins Absurde. Wir imaginieren in die Worte hinein. Es entstehen Sätze daraus, Absätze, Rede und Gegenrede, Texte, die sich wie Webmuster und Teppiche zwischen uns und über Seiten ausdehnen.
Freie Rede und ungebundenes Schreiben müssen geübt werden, wenn sie aus der Sprechblockierung oder dem Sprechzwang herausführen sollen.
Dieses Üben geht ganz früh los, geringe Zeit nach dem Erwerb der Sprechfähigkeit.
Wenn die Hand ihre Beihilfe versagt, ist man schlecht dran.
Meine Hände haben sich gegen das Schreiben, gegen das Nachzeichnen von Buchstaben und das Verbinden dieser Zeichen zu Worte, und das alles mit Federhalter und Tinte, mächtig gesperrt. Aus meinen Händen floss eine hässliche Schrift, stockend und kratzend. Die Feder hinterließ auf dem Blatt eine krakelige Spur, einen schwarzen oder blauen Riss, Federspritzern und Tintenflecken begleitet.
Ein kleines Wunder, dass ich durch dieses Hässlichschreiben (in Schönschreiben hatte ich die allerschlechtesten Noten) überhaupt zum Schreiben durchgefunden habe. Ich glaube, das verdanke ich der Erfindung der Schreibmaschinen. Meine ersten Schreibübungen sind über Schreibmaschine entstanden. Da nahmen mir die Schrifttypen das hilflose Nachzeichnen der Buchstaben ab. Allerdings war ich schon in der Vorschulzeit ein guter Leser. Ich las in der Klasse am besten und war sehr stolz, aufgerufen zu werden, wenn etwas vorgelesen werden sollte.
Wenn ich heute schreibe, schreibe ich über Tastatur, inzwischen auch gerne mit Kugelschreiber, Stift oder Tinte. Kugelschreiber waren in meinen Kinderjahren verboten. „Das verdirbt die Schrift“, hieß es. Aber vielleicht steckte darin bloß ein unbewusstes Ressentiment. Die ersten Kugelschreiber wurden von einem Juden erfunden und entwickelt.
Ein Sprechen, das gegen große Widerstände geübt und erworben worden ist, läuft Gefahr, von einem Tag auf den anderen verloren zu gehen. Deswegen muss man sich daran halten und diesen kostbaren sozialen und kommunikativen Erwerb nicht fallen lassen.
Auch das Schreiben hat sich gegen gewaltige Widerstände und Hemmungen durchgesetzt. Diese Blockierungen wirken heute noch nach und die Hindernisse, die mir das Schreiben entgegengesetzt, türmen sich auf. Jedes Mal wieder wachsen sie vor einem auf, wie umgebrochene Schollen verwehren sie dem Schreiber das Schreiben. Hier hilft außer der Sympathie der längst verblassten Poeten und außer dem Vorbild, vielmehr Vorgang der großen Propheten nichts und niemand wirkungsvoll weiter.

aus: schwer zu sagen 55, 28. 10. 2012

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