Opfergänge

„Eines Tages sagte der Mensch zu Gott: ‚Lass uns die Rollen vertauschen. Sei du Mensch, und ich will Gott sein. Nur eine Sekunde lang.‘ Gott lächelte sanft und fragte: ‚Hast du keine Angst?‘ – ‚Nein. Und du?‘  – ‚Ich habe Angst‘, sagte Gott. Trotzdem gab er dem Wunsche des Menschen nach und wurde Mensch. Dieser nahm den Platz Gottes ein und machte unverzüglich von seiner Allmacht Gebrauch: Er weigerte sich, an seinen vorigen Platz zurückzukehren. Daher waren weder Gott noch der Mensch mehr das, was sie zu sein schienen. Jahre vergingen, Jahrhunderte, vielleicht auch Ewigkeiten. Und dann war plötzlich das Drama da. Die Vergangenheit war für den einen, die Gegenwart für den anderen eine zu große Last. Da aber die Befreiung des einen an die des anderen geknüpft war, nahmen sie ihre Zwiesprache wieder auf, deren Echo in der Nacht zu uns dringt, voll von Hass, von Reue und vor allem von unendlicher Sehnsucht.“ Elie Wiesel, n. Erwin Leiser, Nahaufnahmen, 43

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