Geburtstag 1942, 20. Mai

Reminiszenzen:

Am Tag meiner Geburt, gegen neun Uhr an einem Morgen im Mai, hatte der Flieder zu verblühen begonnen. Die Amseln sangen sich ihre Gesänge vor. In der Nähe von Ausschwitz setzte man den ersten Spatenstich.

Das Dritte Reich stand im Zenit seiner Macht. An den Beinen wurde das Kind aus dem Leib seiner Mutter gezogen.

Merkur und Venus standen in einer bekömmlichen Konstellation.

Die Maisonne stand günstig, ohne das Frischgeborene mit seiner Strahlung zu ängstigen.

Sie schien aus dem Osten in die ergrünten Bäume.

Im Flur des Spitals schlug eine Tür.

Der Wind wehte Gardinen durch ein offenes Fenster hinein.

Beschriebene und unbeschriebene Blätter wirbelten durch den Raum und das Papier einer liegenden Zeitung raschelte hörbar.

Für einen Augenblick hing das Neugeborene, an den Füßen gefasst, kopfüber. Dann wurde ihm auf den Rücken geklopft.

Das Atmen fiel ihm von Anfang an leicht, als hätte es das schon seit Ewigkeiten getan.

Es war dicker geraten als andere Kinder und bereitete seiner Mutter Beschwerden, als es sich in die Welt hinaus quetschte, um die Wehen der Gebärenden zu mindern und um nicht in die Zange genommen zu werden.

Auf einmal schrie es, ohne den Grund zu ahnen, aus dem es schrie.

Das grelle Birnenlicht an der Decke vielleicht,

die jähe Weitung des Raums,

der Schock des Verlassens,

der empfindliche Temperaturunterschied, verstärkt durch den Luftzug, der durch den Raum ging und die nackte und noch feuchte Haut streifte.

Ein plötzliches Frösteln. Es schrie. Das Herz klopfte stärker als vorher.

Heute denke ich: die Todesangst setzt ein in der ersten Sekunde nach der Geburt. Sie sitzt im Geburtsschreck und ein Leben lang lässt sie sich daraus nicht vertreiben.

Doch es drängte. Die Zeit hatte dringlicher und dringlicher zu drängen begonnen.

Great Expectations.

In der Nacht zuvor hatte Saturn am verwehenden Himmel gegrübelt.

Kronos auch: Menschenskind, hatten sie gemurmelt, die Ewigkeit steht still, aber wie die Zeit packt und vergeht!

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