Lötschtaler Höhenweg

4. Tiroler Berggeschichte:

Der Lötschtaler Höhenweg zieht sich von Hütte zu Hütte. Bei Sonnenschein lässt er sich in Holzpantinen bewältigen. Aber im Handumdrehen schlägt das Wetter hier um. Urplötzlich herrscht finstere Naht. Kein Regen, keine Kälte, kein Lüftchen regt sich. Aber die Dunkelheit ist gewaltig und erfüllt mit dem Klappern des hölzernen Schuhwerks. Das sind die Verirrten, die auf dem Höhenweg tappen und ihn trotzdem nicht finden, verloren zwischen Hütte und Hütte. Jede Baude ein Bollwerk für die, die am Höhenweg seit Jahrhunderten wurzeln, eine Zuflucht für sie und niemanden sonst. Fenster und Türen verrammelt wie Festungen. Kein Lichtstrahl tritt zwischen die genagelten Balken und Bohlen hindurch. Die drinnen haben, um sich vor dem Einbruch der Dunkelheit zu schützen, alle Ritzen mit Bergmoos und Kuhdung verstopft. Von den Toren, die im erzwungenen Blindekuhspiel über den Höhenweg tappen, lassen sie keinen herein.

Der Lötschtaler Höhenweg führt nicht, wie so viele andere schreckliche Routen, zwischen Abgrund und Abgrund entlang. Genau das macht er nicht, sondern ausladend zwischen Baude und Baude. Bei Sonnenschein ist alles sehr gastlich, wie mit dem Munde gemalt. Aber in der Finsternis lauern die Hütten den Pantinenträgern aus Holz auf, wie die Klippen den steuerlos treibenden Schiffen. Es gibt einen harten Schlag zwischen Hüttenkante und Stirn. Jemand fällt draußen in der Finsternis um. Aber die in der Bude bleiben mucksmäuschenstill und geduckt im spärlichen Schein ihres Lichts. Die Bergwacht von Lötsch kann es ebenfalls hören, aber die wissen aus lauter Erfahrung, dass Ausrücken keinerlei Sinn hat und fahren in ihrer Stammkneipe beim Kartenspiel fort.

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