im Tennengebirge

2. Geschichte aus den Tiroler Bergen

Das Tennengebirge steckt voller Hohlräume. Du wanderst und wanderst und selbigen Tages bist du verschwunden. Die Berge sind inwendig hohl wie ein Sparschwein, ihre Außenseite mit zahllosen Schlitzen versehen. Eine trügerische Vegetation aus Rhododendron (den man deswegen auch Almenrausch nennt), wuchernder Baumheide und Krummholzgebüsch verbirgt den tückischen Spalt und lässt den Sturz in die Tiefe so plötzlich einsetzen, dass man, ehe die Besinnung eintritt, schon zwischen dem Wurzelwerk durch ist. Der rettende Griff geht ins Leere. Wenn keiner im Tal ist, der dich vermisst, dauert es Jahre, bis jemand durch Zufall dich findet. Das ohnehin kaum beschädigte Buschwerk wächst, weil dem trügerischen Gelände hervorragend angepasst, ziemlich schnell nach und bietet eine vollendete Tarnung. Unter dieser Voraussetzung könnte es sein, dass einer genau in denselben Riss tritt, zwischen glatten Wänden hinabstürzt und sich zu deinen verblichenen Knochen gesellt. Eine Wahrscheinlichkeit – sie lässt sich in keinem Kopf errechnen.

Innsbruck 1994

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