Seelenruhe und Seelentätigkeit

Seelenruhe ist eine wünschenswerte Verfassung. Ruhe ist ein Vorhof zum Frieden, aber kein Warteraum, den man, wie die Gegner der Seelenruhe meinen, mit den verstorbenen Seelen teile. Seelenruhe ist keine Grabesruhe, eher eine Versunkenheit in sich selbst bei gleichzeitigem unerschrockenem Gewahren der Umschwünge, in die sich die Ruhe der Seele eingelassen hat wie das Auge im Hurrikan.

Eine gestillte Stille. Ein beschwichtigtes, quasi ozeanisches Schwingen in einer freigehaltenen Mitte.  Ein Knüpfpunkt, wie ihn die Seele, von Schleudervorgängen und zentrifugalen Kräften unentwegt bedroht, schon immer ersehnt hat.

Epikur hat in diesem unerschütterlichen Seelenzustand eine höchste Glückseligkeit vermutet.

Was jemand erfährt und persönlich gewiss ist, bleibt dennoch Vermutung.

So ist die epikureische Seelenruhe Erfahrung und Vermutung zugleich, Erfahrung für die, die damit vertraut sind, Vermutung für die, die noch fern davon sind.

Auf die Lust, sagt Epikur, geht das natürliche Streben eines jeden Wesens.

Die Lust knüpft sich teils an die Ruhe, teils aber auch an die Bewegung.

Wir bedürfen, meint Epikur, der Lust in und an der Bewegung, wenn es einen Mangel gibt, von dem wir wegstreben und eine Erfüllung, auf die wir uns zubewegen wollen.[1]

Es gibt Plädoyers für eine unberuhigte, für eine nicht stillgestellte, sondern eine tätige und wirkende Seele. Die Ruhe ist dahin, aber dafür passiert wenigstens was.

Eine Seele kann beruhigt und bewegt zugleich sein.

Das ist epikureische Ansicht.

Es ist Unerschrockenheit, die ihr zur Ruhe verhilft, Sympathie, Freundschaft mit allen Wesen, die sie bewegt, die sie anrührt und in Schwingung bringt.

Die ersten christlichen Mönche in der ägyptischen Wüste entdeckten die hesychia, die Seelenruhe im schlagenden Herzen, im darin pochenden Gebet, im darin angestimmten und daraus ertönenden Gesang, der von Klage zu Lob schwang.


[1] vgl. Friedrich Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie des Altertums, Berlin 1909, 278

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