die Reisende

Meine Reise, sagt sie, führt durch menschliche Phantasiewelten.

Sind es menschliche? Sind es tierische oder vegetative?

Sind diese Welten, jedenfalls ihrer Struktur nach, vielleicht eher mineralisch oder astral?

Manchmal komme ich in einen Garten, sagt sie.

Es riecht scharf und blumig. Es könnte ein Tiergarten sein. Auch das Paradies soll ein Zoo höchster Ordnung, ein Ort freisinniger Geisttiere gewesen sein. Unter diesen Geisttieren galt die Schlange als Wesen, in dem Weisheit und Klugheit, die sich nicht immer gut miteinander verstehen, übereinkünftig waren.

Manchmal steige ich, sagt sie, durch Dornen und mühsam über Hecken in Märchengärten, in Wunschtraumgärten.

Alle gehören sie einer Phantasie an, die ich teile und nicht teile, weil sie unteilbar ist.

Ich komme in Rosen- und in Lotosgärten.

In Steingärten und andere, wo ein Senfbaum aufstrebt oder ein Liguster blüht.

Es gibt etwas, wonach ich suche und forsche, sagt sie.

Es muss etwas geben, was die imaginären Welten im Innersten zusammenhält.

Natur ist es nicht, weil sie uns eher äußerlich als innerlich ist.

Eher könnte es sein „das Alphabet der Träume“, das weder die Träumenden noch die Wachen aufsagen können, oder „der Code der Bilderwelt“, den weder Seher noch Späher noch Sichter zu entschlüsseln vermögen.

Und doch –

ohne sie gibt es weder Sinn noch Vernunft.[1]


[1] Italo Calvino, Warum Klassiker lesen?, 56

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