Alterung

In der Blütezeit seines Lebens kam sie ohne alles aus.

Nun ist sie gealtert, ansehnlich gealtert und betritt mit einer gewissen, von Scheu durchmischten Würde die edlen Geschäfte der City. Sie weiß, niemand kennt sie, keine der duftenden Verkäuferinnen hinter den Vitrinen nimmt von ihr Notiz, die Handlungsreisenden ziehen schweigend an ihr vorbei.

Ja, außerdem sind sie seltener und seltener geworden.

Beim Durchgehen schwingt sie einen Walkingstock als Ersatz für Krücke und Stöckchen zugleich (Stöckchen mit Elfenbein- oder Ebenholzknauf).

Sie hätte auch einen langen Schirm mitnehmen können, wenn die Witterung das zugelassen hätte.

Aber man weiß vorher nie, was wird Witterung zulassen und was nicht?

Ungerührt alarmierend und lärmend fahren Notfallwagen an ihr vorbei.

Schwerhörigkeit ist kein Argument, so wenig wie Tinnitus oder Sirenenphobie.

Alzheimer grassiert.

Ohrenbetäubungen fallen vom Himmel und steigen aus dem Inneren auf, vielleicht aus den Schrecken, die dich allein haben wollen für dich, denkt sie.

Immer noch gibt es auch erotische Wünsche zu erfüllen.

Sie gleiten ab an der spiegelhaften Glätte der Gesichter und Leiber, die ihr entgegentreten aus ihren Wünschen und auf endlosen Laufstegen hin und her promenieren.

Sie würde sich gerne in die Geschicke der Menschen einreihen. Aber dort ist nichts frei. Die Züge zu den markanten Stationen, die ihr einfallen, sind abgefahren und die Flüge der Airlines ausgebucht oder im Preis nicht zu erschwingen. Ihre Rente, ihr Ansehen, ihr Antlitz, ihre Haut, ihr Körpervolumen – alles ist im Schrumpfen begriffen.

Und trotzdem:

eine Blütezeit hat es gegeben.

nur wenige Früchte hat sie versäumt.

Blütenlese. Fallobst.

Schwärme von Wimpern und Wespen.

In der Ferne Wetterleuchten, durchmischt mit den murrenden Gesprächen, die Donner und  Donner miteinander führen.

Ihr größtes derzeitiges Vorhaben:

sich ins Unmögliche zu schicken,

gefasst sein auf eine äußerste Stufe des Fassbaren, Schwelle, hinter der man eintritt in nichts,was sie schon angefasst hätte. Oder doch?

Vielleicht wartet sie einfach nur auf den Zusammenbruch der Beweise, dass es Fassbares überhaupt gibt.

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