Gedanken lesen

Gedankenlesen
Gedanken sollten lesbar sein. Oder sie sind nicht ausgereift.
Sie liegen praktisch überall herum. Man braucht sich nur zu bücken um sie aufzulesen.
Doch nehmen sie gerne die Farbe des Bodens an, auf dem sie verstreut sind. In der Wiese grasgrün,
auf dem Feld erdbraun, grau und unansehnlich auf dem Straßenpflaster. Sie erglänzen, wenn es regnet und verfärben sich bei einstrahlender Sonne, wie Wasserteilchen im Regenbogen.
Lassen sie sich dann überhaupt noch lesen, aus dem Regenbogen herabholen oder aus den Haufenwolken, die ihnen ihre blendend weiße Farbe verdanken.
Gedanken sind frei. Sie lassen sich nur von denen lesen, die sich auf die Freiheiten, die sie sich nehmen, einlassen.
Aber keine vorschnelle Idealisierung: es gibt – wie unter allem Obst seit Eva und Adam – auch wurmstichige Gedanken. Von außen ist ihnen nichts anzusehen. Der Wurm steckt im Gehäuse, windet sich zwischen den schwarzbraunen Fruchtkernen. Er höhlt die Gedanken aus, so dass nur noch ihre Hülle besteht. Vielleicht wird einmal ein Schmetterling oder eine Art Motte aus diesem Wurm, aber das ist kein Trost für den enttäuschten Genießer, der voller Erwartung in die Denkfrucht gebissen hat.

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