Selbstopfer

Ostern erhebt sich aus dem Selbstopfer Jesu. Es ist eine Wiederholungstat. Im Durchgang durch die eigene Vernichtung wiederholt der Sohn Gottes das Selbstopfer des Vaters, aus dem die Schöpfung hervorging. Dieses allererste Opfer ist absoluter Grund.
Jesu Tod soll daran erinnern. Es ist eine Imitatio Dei.
„Menschenopfer“, meint Schlegel bei Novalis, „sind die natürlichsten Opfer. Aber der Mensch ist mehr als die Blüthe der Erde; er ist vernünftig und alle Vernunft ist frey und selbst nichts anders als ein ewiges Selbstbestimmen ins Unendliche. Also kann der Mensch nur sich selbst opfern, und so thut er auch in dem allgegenwärtigen Heiligthume von dem der Pöbel nichts sieht. (…) ein Künstler werden, heißt nichts anderes als sich den unterirdischen Gottheiten weihen. In der Begeistrung des Vernichtens offenbart sich zuerst der Sinn göttlicher Schöpfung. Nur in der Mitte des Todes entzündet sich der Blitz des ewigen Lebens.“ *
Heute muss man von dem Pathos absehen, mit dem das Selbstopfer hier ausgestattet erscheint. Doch auch das Selbstopfer selbst ist in Verruf geraten. Dazu haben die Anschläge fanatisierter religiöser bzw. terroristischer Gruppen und Einzeltäter beigetragen. Sie haben uns auch einen anderen Blick auf Märtyrertum beigebracht. Die Selbstzerfleischungen, von denen die alten christlichen Heiligen- und Märtyrerlegenden voll sind, sind uns unbehaglich geworden.
Auch das Selbstopfer Jesu kann eigentlich nur akzeptiert werden als abschließendes Ganzopfer, als Schlusspunkt in der Reihe der göttlichen und gottmenschlichen Selbstopfer. Daher muss der Begriff des Selbstopfers gründlich revidiert, wenn nicht überhaupt neu bedacht oder vielleicht auch abgeschafft werden als Verführung zur gewalttätigen Geringschätzung von Leben und als schädigender Ausbruch einer heimlich suizidalen, einer ingrimmigen Lust an radikaler Vernichtung?

Die Grenze zwischen Selbsttötung und Selbstopfer ist nicht nur für die Gegenwart, sondern auch im Blick zurück in die Geschichte meist schwer zu ziehen. Das vielleicht bekannteste Beispiel bietet Judas Iskariot, der Jesus an die Gerichtsbarkeit ausgeliefert und damit dessen Tod am Kreuz herbeigeführt hat. Jesu Tod ist kein Selbstmord, sondern Selbstopfer. Und der Tod des Judas?

Einzelheiten dieses Todes, eines schrecklichen Todes – es heißt, Judas habe sich erhängt und seine Eingeweide seien aus dem Leib hervorgetreten und auf die Erde gestürzt – werden schon in den ersten Tagen der Christenheit kolportiert, geschildert mit einer Mischung aus Abscheu, perverser Rachsucht („geschieht ihm Recht!“), mit einer Art genüsslicher Grausamkeit.

Könnte der Tod des Judas nicht auch verstanden werden als Selbstopfer, das notwendig geworden war in der Abfolge der göttlichen und gottmenschlichen Selbstopfer? In gewisser Hinsicht ebenso unabdingbar wie das Opfer Jesu?

Novalis, Schriften, ed. Mähl, Bd. 2, 728, „Friedrich Schlegels Ideen

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