Gerüche

Davon gibt es welche, die man nicht riechen kann. Geruchlose Gerüche. Ihre Wirkung liegt in den Bildern, Erinnerungen und Phantasmen, die sie anregen oder erzeugen. Sie visualisieren. Sie machen Unsichtbares sichtbar, erregen Vorstellungen, die sonst ausblieben. Sie zeigen vor:
Kastanien zum Beispiel. Blühende Kastanien und die zerplatzenden Früchte. Rapsfelder, Kartoffelfelder, Kornfelder, offene Erde, Waldboden – alles riecht. Alles gibt einen Geruch von sich, auch wenn er auf den Schleimhäuten in der Nase nicht registriert wird. Er wirkt. Die Jahreszeiten haben ihre Gerüche, die auf uns einströmen und zu Entschlüssen, Tätigkeiten, Gedanken anregen, die wir sonst nicht hätten. So bereichern sie auch die ärmlichen Seelen, die kümmerlichsten unter den armen Seelen, die zwischen uns und zwischen dem einen und dem anderen Inneren durchgehen.

Gerüche sind selbstverständlich unsichtbar. Man kann sie auch nicht hören. Aber sie üben einen Zauber aus, dem sich niemand entziehen kann, weil er eben weder hörbar noch sichtbar ist. Darin liegt das magische Moment der Gerüche. Man kann sie nicht fühlen, aber sie machen spürbar, einen Wunsch, ein Sehnen, ein Stück Vergangenheit oder eine Episode aus fernen Zukünften.
Der Himmel. Das Fernrohr. Ein Radioteleskop führen Visualisierungen und Stimmungen herbei. Insgeheim sind sie von Düften und Gerüchen durchweht und durchzogen. Darin liegt der Charme, der Zauber der Gerüche, dass sie überall im Universum aufsteigen, auch im luftleeren Raum, auch in den Gaswolken, die vorerst unbewohnbar bleiben müssen.

Novalis hat als Gleichnis des Duftes, der auratisch alles Erscheinende umgibt, den Schleier eingesetzt.
Denkbar, dass die Düfte und Gerüche alles durchdringen, das Holz, die Erde, die Steine, kurzum alle Materien und Stoffe. Diese dünsten sie dann aus, wie ein Mensch, der in einer Speise Knoblauch zu sich genommen hat, danach Knoblauch ausdünstet. Die veränderlichen Körpergerüche umwehen und umschleiern einen Menschen. Sie machen ihn sichtbar oder verbergen ihn, im Geruch des Achselschweißes, der meistens abstößt. Andere abzustoßen ist eine geeignete Art, sich zu verbergen.

Novalis sagt vom Vollendeten, das er an anderer Stelle mit dem Genius gleichsetzt, „alles Vollendete spricht sich nicht allein – es spricht eine ganze verwandte Welt aus. Daher schwebt um das Vollendete jeder Art der Schleyer der ewigen Jungfrau – den die leiseste Berührung in magischen Duft auflöst, der zum Wolkenwagen des Sehers wird.“

Der Geruchssinn ist sehr alt, der vielleicht älteste aller Sinne. In ihm ahnt man sich den schnüffelnden Säugern verwandt, den Schweinen, die mit ihren Schnauzen im Erdreich versteckte Pilze aufstöbern. Oder auch den einander beschnüffelnden Hunden. Mag sein, dass solche äußerlichen Ähnlichkeiten das menschliche Riechvermögen unterdrückt und zurückgedrängt haben. Es könnte sein, dass damit auch das Sehvermögen verloren gegangen ist, das Novalis dem Seher im Wolkenwagen zuspricht.

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