blaue Roben

Sie kennen in ihrem Erdteil keine Kleider, keine Pants, keine Hosenträger, keine Schals, wie wir sie uns um den Hals schlingen. Ihre Bekleidung besteht einzig und allein in blauen Roben. Denn ihr Bewusstsein ist ganz und gar auf Gericht eingestellt. In diesen blauleuchtenden Roben treten sie auf, verrichten sie ihre Geschäfte, gehen damit zu Bett. Es ist so, als wäre ihnen dieses Tuch angewachsen, wie Haare oder wie Haut.
Sie sagen: niemand entgeht dem Gericht. Das ist richtig. Das könnten sie auch bei uns verkünden, wenn sie einmal hierher finden sollten. Jeder Tag ist Gerichtstag.
Doch zu ihren blauen Roben zurück. Sie sind seitlich gefaltet, die Roben der Frauen sind leicht gerafft. Die Roben der Männer sind mit Kapuzen versehen, die sich tief ins Gesicht hinein ziehen lassen. An den Kragen der Frauenroben hängen schleierartige Kopftücher, die von den Frauen aber nur selten benutzt werden. Es sieht schön aus, wenn ein Windstoß sie im Nacken der Frauen aufbläht und dann wieder in sich zusammenfallen lässt.
Die Roben changieren in ihren Blautönen und in den Schnürungen und Faltungen, die für die individuellen Trägerinnen und Träger eigentümlich sind. Es stecken Elemente von Kennzeichnung und Ausdruck darin, die wir von außen Kommenden nicht zu lesen und zu deuten verstehen.
Beim Gang in die öffentlichen Saunen werden die Roben abgelegt, wie schon die Römer ihre Togen ablegten, wenn sie im Tiber sommers schwimmen gingen.
Die Farbe weiß bleibt den traurigen Opfern der Gerichtswirklichkeit vorbehalten, die in diesem Erdteil alles beherrscht und bestimmt. Das Weiß der Togen, in das die Verurteilten gekleidet sind, ist blass und durchscheinend wie Milchglas. Es lockt stechende und blutsaugende Mückenarten und Parasiten an, vor denen die blaufarbigen Togenträger gefeit sind. Denn dort, in diesem Erdteil, setzt die Natur die Urteile und Bestrafungen durch. Das ist grausam, aber entlastet die personale Gerichtsbarkeit, mithin auch diejenigen, die in blauen Roben einhergehen.
Die Parasiten und blutsaugerischen Insekten bringen die Delinquenten, die Verurteilten, bei denen das Gericht auf schuldig erkannt hat, nach und nach zum Verschwinden. Sie saugen sie aus, sie saugen sie auf. Man sagt, dies sei ein ebenso gerechtes wie schmerzfreies Verfahren. Die Sträflinge, denen man die blaue Robe genommen hat, um sie in weiße Togen oder Tücher zu hüllen, haben keine Gelegenheit, ihre Erfahrungen mit diesen Verfahren mitzuteilen. Sie geraten in entlegene Gegenden, die vielleicht irgendwo zwischen den Gaswolken des Universums angesiedelt sind. Vielleicht finden sie sich auch am Ende der Trichter wieder, die von den schwarzen Löchern in den Raum gezogen werden und in Universen münden, wo man sie als unschuldig Neugeborene empfangen wird.

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