ohne Lift durchs Kleiderhaus

Wir sorgen selbst dafür und klettern ins Kleiderhaus, das voller Schränke voller Kleider steht. Das suchen wir aus, was uns passt, was auf den Leib geschnitten ist. Man kann sie riechen, die passenden Anzüge, Unterröcke, Schals oder Hüte. Ihre Farbe verrät sie nicht, aber ihr Geruch strömt durch die Schranktürritzen. Geh hin, du kannst sie nicht verfehlen. Sogar deine Badehose findest du dort, zum Trocknen aufgehängt zwischen zwei Schwimmflossen. Nimm an – sie sind dir zugeflogen.

Bocksprünge sind hier ausnahmsweise erlaubt. So kann man über steile Treppen, die mit Feuerleitern abwechseln, über drinnen und draußen bis aufs Dach gelangen. Dort wollen sie einen Hubschrauberlandeplatz einrichten. Aber es ist noch nicht so weit. Bisher steht dort nur ein Klavier, auf dem Haydn gespielt haben soll. Die Witterung hat ihm nichts anhaben können, weil sie auch Haydn nichts anhat. Er sitzt auf dem drehbaren Schemel aus Kirschholz, den ihm seine Verehrer spendiert und hingestellt haben. Er intoniert all die Weisen, zu denen er bei Lebzeiten nicht gekommen ist. Jetzt hat er, solange sie den Landeplatz nicht einrichten werden, unendlich viel Zeit, die Melodien durchzugehen, die ihm Wind und Wolken zuspielen. Er sortiert aus und schlägt sie dann in die Tasten. Ich glaube, diese Nachtoderfahrung beglückt ihn.

Draußen am Geländer der Aussichtsplattform, die bedrohlicherweise einem Hubschrauberplatz weichen soll, dreht sich ein Rad in der Luft. Die Speichen stechen von der Nabe weg ins Weite. Es ist nicht die Luft, die dieses Rad betreibt. Es ist eine Kraft, die das Pedal tritt und aus einem Butterfass Milch tritt. Ein kleines Wunder. Hier ist ein kleiner, ein seltener und seltsamer Ort, in dem die Zeit rückwärts geht und den Beweis dafür erbringt, dass es sie in Wahrheit nicht gibt.

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